Warum eine Ex-Patientin 390 km aus dem Schwäbischen anreist

Geht es denn nur noch um Kohle?

Bild 1

Meine ehemalige Patientin I.K. (37) hat es aus dem schönen Leverkusen, smile … ,  in die Gegend der Schwaben von Öhringen verschlagen. Sie konnte nichts dafür. Auf jeden Fall hat der dortige Kollegoide ihr unlängst zwei so hanebüchene Therapievorschläge offeriert, dass Frau I.K. es vorzog, diese Ideen von mir auf ihre Plausibilität prüfen zu lassen.

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Bild 2

Eigentlich stören die Patientin nur die  seltsamen Dreiecke, die mehrere ihrer oberen Schneidezähne mit dem Zahnfleischrand bilden. Sie wurde von fachfremden Personen schon auf Löcher in den Zähnen angesprochen. Der Behandler in Öhringen hat Frau I.K. nach einem kurzen (Sekunden) Blick auf das Zahnfleisch eine systematische Taschenbehandlung, also eine Parodontitis Behandlung empfohlen.

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Bild 3

Ich nehme eine Parodontalsonde zur Hand und messe die vorhandenen Taschentiefen nach. Nein, das sei nicht vorgenommen worden vom Kollegen. Kein Wunder also, dass die Messergebnisse einen absolut nicht behandlungsbedürftigen Taschenbefund ermitteln, der fast durchgehend Taschentiefen von 2 mm zeigt.

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Bild 4

Bei der Brücke von 45 auf 47 rechts unten handelt es sich um eine Metallkeramik Konstruktion mit einem Metallgerüst aus einer hochwertigen Legierung mit mehr als 80% Goldanteil. Die Patientin knirscht und/oder presst seit sie denken kann, was auch gut im Bild 1 und 3 ablesbar ist. Von der 6 Jahre alten Brücke hat sie an 2 Stellen Keramik von der Metallunterlage weggeknirscht.

 

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Bild 5

Auch hier urteilt der Kollegoide aus Öhringen nach einem Sekundenblick: „Muss neu“. Ich bewaffne mich mit einer beleuchteten 3-fach Lupenbrille und einem massiven Scaler (= Haken zur groben Zahnsteinentfernung), um den erprobten Praxistest auf Dezementierung eines Brückenpfeilers durchführen zu können. Der erfahrene Zahnmediziner kann es bereits anhand der gesunden Farbe des Zahnfleischs um die Kronen herum ahnen, dass sowohl 45 als auch 47 bombenfest auf ihren Pfeilern sitzen. Das bestätigt sich durch die Lupenbrille noch einmal.

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Zweimal daneben

Das Zielfoto zur Diagnosestellung des sehr speziellen Zahnfleischproblems dieser Patientin ist das Bild 2. Zwischen den beiden kleinen Backenzähnen (= Prämolaren) offenbart sich, was dem Zahnfleisch tatsächlich fehlt: Feingefühl. Diese Patient verletzt ihr Zahnfleisch mehrmals am Tag selber. Sie schrubbt mit zu großen Horizontalbewegungen und zu hohem Druck regelrecht die verhornte Schicht der Schleimhaut an immer den gleichen Stellen weg. Diese Verletzungen sind beim genauen Betrachten überall in der Oberkiefer Front zu sehen. Hier darf natürlich um Himmels willen keine Taschenbehandlung erfolgen, denn das würde die Lage 100% sicher verschlimmern, sondern hier ist das Umprogrammieren der Patientin notwendig.

Zu Bedenken ist auch die Gedankenlosigkeit, mit der der Zahnarzt hier mal eben schnell der Patientin eine sehr aufwändige und für die Krankenkasse teure (und für sich einträgliche) Behandlung aufdrücken will. Es sei am Rande angemerkt, dass sich der Kollege mit der Verordnung einer PA-Behandlung bei diesem Taschenbefund in die Illegalität begibt, denn die Verträge mit den Krankenkassen sind diesbezüglich eindeutig. Anscheinend fällt das für den Betroffenen aber unter die Kategorie Kavaliersdelikt.

Knirscher und Zahnersatz

Und offenbar ist sich der Zahnarzt auch nicht darüber im klaren, dass er eine Hardcore Knirscherin vor sich hat. Er kann die Zeichen des Schwundes auf diesem Ersatz nicht richtig lesen, oder deuten. Würde er nämlich aufmerksam zur Kenntnis genommen haben, dass zwar etwas Keramik vom Hochedelmetallgerüst fliegen gegangen ist, dass das aber nicht auf eine Bewegung des Metallgerüstes auf dem Untergrund (= Dezementierung) zurückzuführen ist, sondern ausschließlich auf das Konto Überlastung zu buchen ist, würde er sich gut überlegen, ob er eine noch gut funktionierende und dichte Brücke ca. 10 Jahre vor ihrem Ablaufdatum aus einem Hardcore Knirschermund heraustrennt. Denn: Der nächste Bruch kommt auch bei der eigenen Konstruktion, das ist allenfalls eine Zeitfrage.

 

Zusammenfassung

Frau I.K. hat ihren Intelligenztest mit Bravour bestanden, der Kollege leider nicht.

4 Replies to “Warum eine Ex-Patientin 390 km aus dem Schwäbischen anreist”

  1. RE: Warum eine Ex-Patientin 390 km aus dem Schwäbischen anreist
    Hallo Herr Wagner.
    Ich würde der Patientin eine Abdeckung der Stillman-Spalten mittels Tunneltechnik empfehlen zur Stabilisierung der Weichgewebssituation.(BGT oder Mucograft)Immerhin stört es sie ja. Nikotinabstinenz vorausgesetzt.
    Funktioniert bei solchen Fällen sehr gut.
    Viele Grüße, Markus

  2. RE: Warum eine Ex-Patientin 390 km aus dem Schwäbischen anreist
    Hab vergessen zu erwähnen, falls die Situation nach Umstellung der Putztechnik persistiert und sich nicht von alleine verbessert. Aber versuchen sie mal `nen Hund das wedeln abzugewöhnen 😉 Deshalb immer auf elektrisch umstellen.
    Viele Grüße, Markus

  3. RE: Warum eine Ex-Patientin 390 km aus dem Schwäbischen anreist
    Lieber Kollege Markus, wie sind Ihre Erfahrungen mit der Tunneltechnik bei Stillman Clefts bei hartnäckigen Schrubbern? Viele Grüße Joachim Wagner

  4. RE: Warum eine Ex-Patientin 390 km aus dem Schwäbischen anreist
    Hallo Herr Kollege Wagner.
    Schön das sie fragen.
    Die sind sehr gut meine Erfahrungen wenn sie auf elektrisch umstellen. Ansonsten ist´s für die Katz und hinterher sieht´s genauso aus. Deshalb vorher umstellen und Patienten Demo-Schrubben lassen.
    Viele Grüße, Markus

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