Nicht auf jede Lücke eine Brücke

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Bild 1

Dieser Patient A.G. ist jetzt 39 Jahre alt und seit 25 Jahren der Träger von 2 Zahnlücken im Unterkiefer an Stelle beider unterer 6-er.

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Bild 2

Alle 4 Zähne rings um die 2 Lücken, also 35 und 37, sowie 45 und 47 befinden sich augenscheinlich noch im jungfräulichen Zustand, weisen also weder Füllungen noch nennenswerte Karies auf.

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Bild 3

Auch die Zahnverschiebungen halten sich in einem für den langfristigen Zahnerhalt sehr erträglichen Rahmen. Der Zahn 47 ist zwar mit geschätzten 30 Grad nach vorne gekippt, weil sich aber kein Weisheitszahn dahinter befindet, ist die Ausbildung einer unglücklichen Kontaktsituation dadurch vollständig unterblieben.

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Bild 4

Auch auf der linken Seite läßt sich angesichts der langen Dauer von 25 Jahren sensationell wenig Zahnverschiebung feststellen. Das läßt für die Zukunft wenig bis keinen weiteren Schaden erwarten.

 

Bitte hier keine Schleiferei !

Als ich (Joachim Wagner, Zahnarzt) diesen Patienten 1999 zum ersten Mal in die Finger bekam, hätte ich nach dem Willen der Vertragstexte der Zahnärzte mit den Krankenkassen über Zahnersatz in der Version von 2004 (Festzuschüsse) direkt über den Mann herfallen müssen mit einem „Heil- und Kostenplan“ (= HKP), der das Abschleifen von 4 Zähnen im Unterkiefer vorsieht und das Einbauen von 2 Brücken über die Lücken. Das Offenlassen solcher Lücken, wie ich es hier getan habe, kommt im Denken dieser Zahnersatzverträge nicht vor. Ich habe es jedoch vorgezogen, diese Zähne nicht anzutasten.

Bin ich deshalb ein Kretin (= französisch für „Dummkopf“), ein Sonderling, ein Stümper der Zahnmedizin, der sein Handwerk nicht beherrscht? Ich denke nicht. Ich habe einfach Respekt vor den 4 gesunden, unverletzten, festen, eigenen Zähnen meines Patienten A.G.. Was spricht alles gegen das Schleifen?

  1. Beim Schleifen von Zähnen für Kronen/Brücken verlieren im Laufe von 5 Jahren mindestens 10 % der Zahnnerven ihr Leben, unabhängig von endodontischen Maßnahmen. Der Grund hierfür liegt in der für Zahnnerven – nach wie vor – brutalen Bearbeitung durch hochtourige diamantbesetzte Schleifkörper. Bei 4 abzuschleifenden Zähnen addieren sich die Wahrscheinlichkeiten auf mindestens 40%, was einen (= 1 Stück) sehr schmerzhaften Zahnnervuntergang bereits ziemlich wahrscheinlich macht.
  2. Die nachgewiesene durchschnittliche Halbwertszeit (= Zeitpunkt, zu dem die Hälfte der Teile defekt ist) von festsitzenden Brücken beträgt etwa 15 Jahre. Von großer Bedeutung dabei ist der Faktor „Dezementierung“ einer der Pfeiler. Gewöhnlich wird das Versagen des Zementes nicht rechtzeitig bemerkt, was dann regelmäßig auf eine katastrophale kariöse Zerstörung des betroffenen Brückenpfeilers hinausläuft. In der Gesamtbetrachtung wirkt sich das Abschleifen von Zähnen für Brücken damit statistisch für bestimmt ein Drittel der Pfeiler als tödliche Falle im Laufe von nur 15 Jahren aus.
  3. Selbst wenn der Zahnarzt und der Techniker fit sind und in der Lage sind, Kronen herzustellen, deren Kegelwinkel die wissenschaftlich empfohlenen 6 Grad einhalten, und deshalb auch nach 15 Jahren noch fest auf ihren Pfeilern zementiert sitzen, ist die Gefahr hoch, dass ein ehrgeiziger Folgebehandler dem Patienten eine unnötige Erneuerung der Brücke wegen kosmetischer Verbesserungsideen verkauft und dabei die Zähne unrettbar schädigt.

 

Zusammenfassung

Sind wir zur Abwechslung mal ehrlich: Was für einen Gewinn an „Mundgesundheit“ hätte dieser mein Patient A.G. dadurch erwarten können, wenn er sich mit 27 Jahren (= 1999) von mir 2 Brücken in den Mund hätte montieren lassen? Vor allem im Vergleich zu dem tatsächlichem Verlauf, den er genommen hat?

7 Replies to “Nicht auf jede Lücke eine Brücke”

  1. RE: Nicht auf jede Lücke eine Brücke
    hallo herr dr. wagner, endlich ein beweis, dass nicht jede lücke durch prothetik ersetzt werden muss! das ist auch meine erfahrung, denn meine zähne wandern nicht.

    und danke für diese fotos als beweis und dass sie ihrem patienten ein leid ersparen konnten, von dem ich leider ein lied singen könnte.

    lg

  2. RE: Nicht auf jede Lücke eine Brücke
    Ich bereue, bei meiner Sanierung vor 30 Jahren meine 46 und 36 „geopfert“ zu haben, weil sie amalgamgefüllt und wurzelbehandelt waren.
    Dafür wurde bei der Sanierung ordentlich geschliffen:
    Links 34, 35, (völlig jungfräuliche Zähne) 37 (mit kleiner Füllung),
    sowie rechts 44, 45, (beide ebenfalls völlig jungfräuliche Zähne,) 47 (hatte lediglich eine Füllung)
    und 2 Brücken eingebaut.
    Statt meinem eigenen Zahnschmelz, der wunderbar funktionierte, hatte ich dort jetzt rechts und links jeweils verblockte Kronen, mit allen Risiken…..
    bei der neuerlichen Sanierung wurde ich ein Riesenvermögen für eine teleskopierende Teilprothese los, die beiden hinteren Backenzähne hatten Karies unter der Krone und waren für eine neue Brückenversorgung Wackelkandidaten.
    …und das alles nur wegen ehemals zweier Backenzähne (36, 46), die wurzelbehandelt und amalgamgefüllt waren….

  3. RE: Nicht auf jede Lücke eine Brücke
    Hallo Sven, sehe ich auch so: Da wurde der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Immerhin hat es 30 Jahre gehalten, was für derartige Konstruktionen ungewöhnlich lange ist. So gesehen hatten Sie Glück im Unglück. Viele Grüße Joachim Wagner

  4. RE: Nicht auf jede Lücke eine Brücke
    Hätte ich Ihren Bericht nicht vor 10 Jahren lesen können? Ich trage seit 10 Jahren einen Zahnersatz mit 6 Zähnen. Damals hatte ich einen Unfall und so fehlten mir die 2 oberen vorder Zähne. Es wurden 4 kerngesunde Zähne beschliffen und heute habe ich extreme Probleme damit! Extreme! Chronische Entzüdnung und kein Zahnarzt will es rausnehmen. Ich habe echt Angst davor was unter der Brücke ist!

    Könnte ich die Zeit doch nur zurückdrehen, dann würde ich mich 100% für das Provisorium entscheiden, dass ich damals bekommen habe. Denn die Probleme die ich jetzt habe sind einfach miserabel!

  5. RE: Nicht auf jede Lücke eine Brücke
    Hallo Kira,

    es wird sich doch bestimmt ein Zahnarzt finden, der ihre Brücke mit Röntgen, Sonde usw. einmal genau untersucht.

    Was die 10 Jahre angeht: Wenn jeder Mensch in diesem Lande einmal diese Seiten lesen würde hätten die Zahnärzte weniger zu Bohren und die Patienten wären ihrem Zahnarzt nicht ausgeliefert, weil sie dann ein umfangreiches Wissen über alle Zahn(arzt)-Themen hätten. Gerade bei den Zahnärzten, die einfach den Bohrer zücken und keinerlei Beratung oder Information über die Therapie und Prophylaxe bieten, ist das wichtig um ihnen auf die Füße zu treten oder die Praxis zu wechseln.

  6. RE: Nicht auf jede Lücke eine Brücke
    [quote name=“Kira“]Hätte ich Ihren Bericht nicht vor 10 Jahren lesen können? Ich trage seit 10 Jahren einen Zahnersatz mit 6 Zähnen. Damals hatte ich einen Unfall und so fehlten mir die 2 oberen vorder Zähne. Es wurden 4 kerngesunde Zähne beschliffen und heute habe ich extreme Probleme damit! Extreme! Chronische Entzüdnung und kein Zahnarzt will es rausnehmen. Ich habe echt Angst davor was unter der Brücke ist!

    Könnte ich die Zeit doch nur zurückdrehen, dann würde ich mich 100% für das Provisorium entscheiden, dass ich damals bekommen habe. Denn die Probleme die ich jetzt habe sind einfach miserabel![/quote]
    Hallo Kira,
    es geht hier um deine Gesundheit, deshalb lass dich bitte nicht so abspeisen.
    Von den Frontzähnen sollte unbedingt eine
    Röntgenaufnahme machen lassen und darauf bestehen, dass die Brücke abgenommen wird.

  7. Zahnschmerz Brücke
    Einer der 2 für die Brücke geschliffenen Zähne schmerzt heftig, gestern wurde mir die Brücke provisorisch eingesetzt, heute ist sie beim Essen herausgefallen. Das Loch in der Zahnbrücke ist ziemlich viel breiter als der sehr schmal geschliffene Zahn, da er anscheinend herausstand. Zwischen Zahn u. Zahnfleisch im Innenraum war relativ viel Platz, unangenehm.
    Klingt blöd, aber ich wußte wirklich nicht, daß die Nachbarzähne so sehr beschädigt würden für eine Brücke, denn sie waren voll intakt. Hätte man mich darauf hinweisen müssen??
    Danke

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