Deutsche Hinterlassenschaften

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Bild 1

Heute (Sommer 2010) sieht der Strand von Westkapelle / Zeeland / Niederlande völlig entmilitarisiert und friedlich aus. Nur dem kundigen Besucher erschließen sich die Hinweise auf die Vergangenheit, als Holland unter deutscher Besatzung lag.

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Bild 2

Mitten in der Pampa von Vlissingen – einer eher langweiligen Hafenstadt in Zeeland – färben unsere Nachbarn das Wasser im Brunnen in Orange. Auch wenn die Fußball Weltmeisterschaft 2010 damals vor der Entscheidung stand; der Oranje-Holländer ist generell stolzer auf seine Farbe als die Unsrigen.

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Bild 3

Dieser Typ Bunker (nach rechts schießend) nennt sich Typ 631 und wurde von der Organisation Todt in den Jahren 1941 bis 1943 über Tausende von Kilometer entlang des sogenannten „Westwalls“ über Holland, Belgien, die Kanalinseln und Frankreich verteilt in die Erde betoniert. Übrigens: Dieses Monstrum verbrauchte pro Stück 2000 Tonnen Beton. Sehr viele dieser Bunker stehen nur deshalb bis heute, weil ihre Beseitigung sehr aufwändig wäre und sich niemand findet, der das bezahlt.

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Bild 4

Ein Blick in das Innere des Bunkers (die Aufnahme stammt wirklich aus meiner Hand im Juli 2010) offenbart einen noch perfekt erhaltenen Beton mit diversen Rohranschlüssen. Die Rohre dienten damals der mechanischen Zwangsentlüftung per Ventilator, um die Feuergase beim Schießen so schnell aus dem Bunker abzuführen, dass die Bedienmannschaft nicht dadurch vergiftet wurde.

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Bild 5

Laut den niederländischen Quellen soll diese Aufnahme den Bunker aus Bild 3 im Jahr 1943 zeigen. Tatsächlich befindet sich der Bunker aus Bild 3 bis heute noch an dem hier sichtbaren Kanal in der Umgebung von Vlissingen / Terneuzen Zeeland / Niederlande. Dass die Hitler-Armee ihre Bunker sehr effektiv versteckt hat, gilt als bewiesen.

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Bild 6

Im Heimatmuseum von Westkapelle kann dieses Bild besichtigt werden. Das in rot eingeblendete Schema auf der Schwarz/Weiß Aufnahme gibt eine deutsche Einteilung des „Verteidigungsbereiches Vlissingen“ wider. Für die Geschichtskunde: Die deutsche Wehrmacht überfiel im Mai 1940 Holland, besetzte nach nur 4 Tagen Kampf ganz Holland, und wurde bis Ende 1944 insbesondere durch US-amerikanische Truppen wieder aus den Niederlanden geworfen.

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Bild 7

Ich (Joachim Wagner, Zahnarzt) bin kein Waffennarr und kann die Teile hier nicht sortieren. Offensichtlich handelt es sich um eine Handfeuerwaffe des deutschen Heeres der Jahre 1940-1944. Auch dieses Exponat ist Teil der Sammlung des Heimatmuseums in Westkapelle. Warum es den holländischen Nachbarn wichtig erscheint, solche Dinge auszustellen, kann sich jeder hier in Deutschland selbst ausmalen.

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Bild 8

Falls Sie nicht in der Lage sind, die Etiketten zu lesen. Hier sind die Überschriften: a) ganz oben befindet sich die Schachtel „16 Pistolenpatronen 08 m.E.“ , b) darunter „15 Patronen S.m.E.“ , c) unten 2 mal „Patronen S.m.B.“

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Kommentar

Je länger ich mich mit dem Phänomen „Drittes Reich“ beschäftige – und das ist jetzt ein Vierteljahrhundert  – desto schwerer wird es mir, irgendwelche Vorwürfe und Urteile auszusprechen. Es ist so einfach, heute im Jahr 2011 aus dem bequemen Sessel heraus zu erklären, dass die Menschen im „Dritten Reich“ anscheinend alle denkgehemmt oder mindestens hirngewaschen waren. Jetzt, wo wir alle den Ausgang der Hitlerei kennen.  Aber inzwischen stelle ich mir schon mal die Frage, ob ich mir tatsächlich sicher bin, ob ich mich nicht auch so blamiert haben würde, wie das 1940 mehr als 50% aller Zahnärzte taten: Sie waren NSDAP Parteimitglieder und nachprüfbar mit den furchtbaren politischen Zielen des Regimes einverstanden.

Denn wenn ich die Tagebücher der Kriegsteilnehmer dieser Jahre lese, z.B. von Jochen Klepper, der Anfang 1941 in Rumänien eingesetzt wird und dann am 22. Juni 1941 den „Fall Barbarossa“ = Überfall auf die Sovietunion mitmachen muss, dann ändert sich die ganze Perspektive. Der christliche Schriftsteller Jochen Klepper ist mit einer Jüdin verheiratet und wird im Laufe der Jahre 1940-1942 zur doppelt tragischen Figur. Auf der einen Seite ist er mit Überzeugung Soldat und schreibt noch während des Rußlandfeldzug „Was sind wir für ein herrliches Volk“ (er meint die Deutschen), andererseits wird er aufgrund der Rassengesetze 1941 unehrenhaft aus der Armee entlassen und begeht 1942 zusammen mit seiner jüdischen Frau und seiner Stieftochter, denen beide die Verschleppung und Ermordung in Auschwitz droht, in Berlin Selbstmord.

Die bizarre Geschichte Deutschlands in Holland von 1940 bis 1944 gehört im Vergleich zum Krieg im Osten eher noch zu den zivilen Abschnitten dieser Zeit. Ganz nebenbei: Im Unterschied zu vielen anderen besetzten europäischen Ländern haben die Niederländer viel mehr Juden illegal in ihrem Land versteckt trotz der Bedrohung durch die deutschen Besatzer.


 

1. Jochen Klepper Unter dem Schatten deiner Flügel. Aus den Tagebüchern der Jahre 1932-1942 , Brunnen-Verlag, Gießen (Gebundene Ausgabe – 2005)

2. Jochen Klepper und Hildegard Klepper, Überwindung. Tagebücher und Aufzeichnungen aus dem Kriege., Dt. Verl.-Anst. (Gebundene Ausgabe – 1959)

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