Notdienst: Angebrochener Zahn Nummer 1

SANY0411Und durfte ich über Ostern von Karfreitag bis Ostersonntag den zahnärztlichen Notdienst für Leverkusen „sicherstellen“, wie es im Verwaltungsdeutsch so unnachahmlich heißt. Konkret suchten im Schnitt 15 Patienten tagsüber und 4 in der Nacht meine zahnärztliche Hilfe an diesem sommerlichen Osterwochenende auf. Als Behandler betrachte ich die Arbeit aber auch als sportliche Herausforderung. Häufig werde ich mit Fällen konfrontiert, die der oder die Kollege/in vorher nicht genau genug diagnostiziert hat.

IMG_1020Der vorliegende Fall gehört in diese Kategorie. Die Patientin aus Bild 1 erscheint mit starken Schmerzen der Stärke VAS 6-7 auf der Skala 0 bis 10 in der Nacht im Notdienst am Karfreitag und berichtet, dass sie seit 3 Tagen unter diesen starken Schmerzen an den Zähnen rechts oben leide. Und zwar habe sie vor 3 Tagen irgendwie härter auf der rechten Seite aufgebissen und danach sei es mit den Schmerzen losgegangen. Ihre Zahnärztin habe die Zähne angeschaut, beklopft und geröngt, habe jedoch nichts feststellen können. Die Behandlerin habe ihr geraten, auf der rechten Seite möglichst schonend aufzubeissen. Auf meine gezielte Nachfrage, ob an dieser Stelle denn schon vor Wochen oder Monaten ähnliches vorgekommen sei, kann sich die Patientin erinnern, dass sie bereits vor etlichen Wochen eine ähnliche Aufbißempfindlichkeit rechts oben bemerkt hatte, die damals anscheinend durch eine zahnärztliche „Taschenbehandlung“ zum Abklingen kam.

SANY0412In der Tat sieht man bei wenig Beleuchtung und mit dem unbewaffneten Auge den beiden Prämolaren 14 und 15  (= kleine Backenzähne rechts oben) nicht an, was mit ihnen nicht stimmt.  Ausweislich Bild 2 verunzieren weder Karies noch Füllungen diese Zähne, was einer Menge Zahnmediziner schon ausreicht, um zu behaupten, dass „die Zähne nichts haben“.  Leser von zahnfilm.de ahnen natürlich, warum eine derart kühne Behauptung kaum der Wirklichkeit entsprechen kann. In Bild 3 deutet es sich bereits an. Unsere Patientin mit dem Knirsch/Pressindex 2 (von 0 bis 4, wobei 4 eine unkontrollierbare Zerstörung eigener und Ersatzzähne bedeutet) *) konzentriert die Beisskraft ihrer rechten Kaumuskulatur wegen verfrühter zahnärztlicher Extraktionen nur noch auf die Prämolaren. Untere Prämolaren halten das 100 Jahre durch, obere nie. Denn das Bruchrisiko der einzelnen Backenzähne im menschlichen Mund ist extrem unterschiedlich verteilt. Häufig brechen obere Prämolaren und untere Molaren, die mittlere Häufigkeit tritt bei oberen Molaren auf, ganz selten oder nie die unteren Prämolaren.

IMG_1022In Bild 4 läßt sich auch für „Blinde“ nun erkennen, woran die Patientin seit mindestens mehreren Wochen, wahrscheinlich auch schon viel länger leidet. Nämlich einem Riss in vertikaler Richtung (= senkrecht zur Kauebene) des Zahns 15 durch Kaukraftüberbelastung und deshalb Materialermüdung. Der Riss führt zur Spaltung des Zahns in der Form, dass der innere Höcker des Zahns mitsamt der dazugehörenden Hälfte sich vom äußeren Höcker trennt.

Die Therapie besteht im Notdienst im Entfernen des noch teilweise lebenden Zahnnerven mit Betäubung und dem Kürzen des innen liegenden Höckers um einen großzügigen Millimeter. Ich weise die Patientin darauf hin, dass ein solcher Zahn bereits jetzt mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% nicht mehr zu erhalten ist. Denn selbst wenn alles in der Behandlung optimal läuft, also die Wurzelbehandlung ordentlich mit starken Desinfektionsmitteln wie CHKM durchgeführt wird, es trotzdem sein kann, dass der Riss schon so tief in die Wurzel hinein verläuft, dass auch eine Wurzelbehandlung und Überkronung die Dauerinfektion des Knochens mit Bakterien aus dem Mundspeichel über den Riss nicht mehr verhindern kann. Schaue ich mir das Bild 4 an, bin ich fast sicher, dass das hier der Fall ist, denn der Riss verläuft ziemlich mittig durch den Zahn, insbesondere auch tief unten in der Zahnnervkammer.

 

Kommentar

Angebrochene Zähne spielen eine zunehmend größere Rolle in der Entstehung von Schmerzen im Mund. Gewöhnt man sich als Zahnarzt einfach an, gezielt auch danach zu suchen, ist das Aufdecken dieser Schmerzursache gerade keine schwarze Magie. Offenbar betrachten aber viele Kollegen/innen es als eine zu große Herausforderung, denn ich höre solche Geschichten regelmäßig auch aus meinem Verwandten- und Bekanntenkreis. Schmerz beim Zubeißen, Zahnbohrfachmann findet nichts, Wochen später bricht ein Stück Zahn ab, erzählt mir gestern mein Bruder. Und beim nächsten Bißschmerz wird der Bohrfachmann wieder herausfinden, dass „an den Zähnen nichts zu sehen wäre“.

 

*) Wer Patienten mit dem Knirsch/Pressindex 2 und höher die Molaren (= großen Backenzähne) ohne absolute Notwendigkeit zieht, gehört als Behandler in ein Umerziehungslager „Warum darf ich bei harten Knirschern keine dicken Backenzähne ziehen“.

2 Replies to “Notdienst: Angebrochener Zahn Nummer 1”

  1. RE: Notdienst: Angebrochener Zahn Nummer 1
    Ja und wie haben Sie es nun herausgefunden, dass der Zahn frakturiert ist? Die Vorbehandlerin hat geröngt, geklopft etc. und somit doch die „übliche“ Diagnose betrieben. Nur auf Verdacht und einem Knirsch/Press Index würde ich diesen Zahn nicht trepanieren…

  2. RE: Notdienst: Angebrochener Zahn Nummer 1
    Hallo Hendriks, ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber auch Sie müßten eigentlich auf dem Bild 2 den Riss im 15 sehen können. Und zwar sowohl distal auf der ganzen distalen Fläche, als auch ansatzweise in der kleinen Kerbe okklusal-mesial. Auch wenn das auf den ersten Blick so aussieht: obere Prämolaren haben distal keine (!) Fissur. Deswegen ist der distale Schmelzriss am 14 auch sehr ernst zu nehmen. Das war der eindeutige Beweis: Meine Vermutung, dass die Ursache ein Riss sein muss und die hohe optische Vergrößerung per beleuchteter Lupenbrille mit 3,5 fachem Faktor erbrachten die nun fotografisch festgehaltenen Beweise. Übrigens kann der distale Riss 15 per Hakensonde bereits in diesem Stadium schon taktil erfasst werden.
    Viele Grüße Joachim Wagner

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