Warum Einzelkronen selten sind

Den nachfolgenden Artikel fand ich in der laufenden Ausgabe Nr. 107 des „Forum für Zahnheilkunde“ des DAZ (Deutscher Arbeitskreis für Zahnheilkunde) vom Juni 2011. Der Kollege Dr. Paul Schmitt, Frankfurt/Main, schreibt über die Tatsache, dass in deutschen Zahnarztpraxen kaum noch Einzelkronen – also eine einzige Krone für einen Zahn im ganzen Mund – angefertigt werden. Der deutsche Patient kann nicht wissen, dass das außerhalb der deutschen Kassenbestimmungen „im Ausland“ der Normalfall ist und bis 1975 auch in Deutschland so war.

 

Zitat Anfang

Milchpreis und GOZ

„Was soll dieser Titel?“, werden Sie sich jetzt fragen. Aber es ist ein sehr guter Vergleich: Mit der GOZ ist es wie mit dem Milchpreis.

Über viele Jahre führte der (auch durch die Geldentwertung) immer weiter sinkende Milchpreis zu einem ganz schwerwiegenden, drastischen Strukturwandel in der gesamten Milchwirtschaft. Die kleinen idyllischen Höfe verschwanden. Es musste gnadenlos rationalisiert werden. Kleinbetriebe mit wenigen Tieren wurden hoffnungslos unwirtschaftlich. Ställe wurden zu Garagen oder Ferienwohnungen. Und auf den grünen Wiesen entstanden seelenlose, vollklimatisierte, neon-beleuchtete Kuh-Fabriken. Nur so konnte der niedrige Milchpreis wirtschaftlich-aber auch ohne jede Rücksicht auf anständige, tiergerechte Haltung- „dargestellt“ werden. Außerdem wird an den Futtermitteln gespart, so dass fast nur noch bessere Abfälle, etwa Fischmehl, verfüttert werden. Und jetzt ist der Katzenjammer groß: Das alles will der Verbraucher SO aber nicht. Er möchte die glückliche Kuh auf der Weide, das Namensschlid im Stall, die gute alte Zeit zurück. Aber das alles gleichzeitig mit dem aktuellen, zur Normalität gewordenen, viel zu niedrigen Milchpreis.

Die Bauern bräuchten 40 Cent für den Liter, aber sie bekommen deutlich weniger. Sie haben sich arrangiert, auf Kosten der Tiere, der Nahrungsmittelqualität, der Umwelt. Zurückdrehen lässt sich dies alles kaum noch. Dafür sind diese neuen Strukturen zu effizient, der Gewinn zu hoch, die Interessen zu brutal. Und: Alle machen es so. Ein Totschlagargument zwar, aber es trifft zu.

Unsere staatlich diktierte „Gebührenordnung für Zahnärzte“, die GOZ, wird auch von ganz oben festgelegt. Wir haben keinen Einfluss, wie man in diesen Tagen wieder sehr deutlich sieht. Wir müssen sie akzeptieren und anwenden. Auch das, was nun wieder als Reform herauskommt. Seit 1988 gab es hier einen unbegreiflichen Honorarstillstand.Trotz der Verpflichtung des Gesetzgebers, die GOZ „regelmäßig anzupasen“, wie es im Vorwort der GOZ steht, wurde das 23 Jahre lang unterlassen. Folge waren massive „Umstrukturierungen“ und Anpassungsprozesse in den Praxen, insbesondere auf dem Gebiet der Therapieplanung und Rechnungslegung. Auch hier könnte man daher von einem „Strukturwandel“ ähnlich dem in der Milchwirtschaft sprechen.

So propagierte die Standespolitik schon nach wenigen Jahren in den entsprechenden Seminaren eine sehr grenzwertige Auslegung der GOZ – zum Inflationsausgleich. Und das Bundesverfassungsgericht empfahl uns, diesen Ausgleich durch entsprechende Nutzung des Steigerungssatzes herbeizuführen (obwohl dieser doch eigentlich nur von der Schwierigkeit, dem Zeitaufwand und den Umständen der Leistungerbringung abhängen sollte). Grenzwertig auch das. Es gab also „Umstrukturierungen“ mit sehr bedenklichen Folgen, wie in der Milchwirtschaft.

Der neue Begriff der „Solidaritätskronen“ z.B beschreibt die Flucht in die Mengenausweitung. So erklärten Fortbildungsanbieter die einzelne Krone als „unwirtschaftlich“, man solle dahere besser gleich mehrere Kronen machen, nur das „rechne sich“. Nun werden eben möglichst keine Einzelkronen mehr gemacht, sondern immer mehrere Kronen auf einmal, auch ohne zwingende , klare medizinsche Indikation. Der kleine Stall ist eben unwirtschaftlich, und ebenso die Einzelkrone.

Die Hemmschwellen bezüglich betriebswirtschaftlich „optimierter“ Therapieplanungen wurden ständig niedriger, Überversorgung und aufgeblasene Rechnungen wurden zum wirtschaftlich notwendigen Regelfall. Viele sahen sich „gezwungen“, Therapien betriebswirtschaftlich „in die Höhe zu treiben“. Und Dinge anzubieten, die eigentlich gegen unser Berufsethos verstoßen. Genauso sehe ich das.

Das alles läßt sich nun nicht mehr zurückdrehen. So, wie die kleinen Mlichbauern Vergangenheit sind, so ist auch eine allein auf notwendige, maßvolle GKV-Zahnheilkunde konzentrierte Zahnarztpraxis- ohne private „Wunschleistungsschiene“- nicht mehr lebensfähig. Wegen dieser unumkehrbaren Merkantilisierung der Zahnmedizin sieht die PKV nun gerade bei 6% Erhöhung der GOZ eine ausreichende Anpassung, obwohl uns rechnerich seit 1988 eine sicher 40-50% zustehen würden. Für die Differenz haben wir nämlich schon selbst gesorgt, so sieht das die PKV. Und hat nicht ganz Unrecht. Gekniffen sind jetzt nur die Idealisten, die ohne Abzocke am unteren Limit wirtschaften. Wie immer.

Dr. Paul Schmitt
Frankfurt/M.

Zitat Ende

10 Replies to “Warum Einzelkronen selten sind”

  1. RE: Warum Einzelkronen selten sind
    „….obwohl uns rechnerich seit 1988 eine sicher 40-50% zustehen würden.“ (Zitat aus dem Artikel)

    Wenn sich die Einnahmen der Krankenkassen um 40-50% erhöht hätten, und die Löhne sich um 40-50% erhöht hätten, wäre das sicher realistisch.

    Von einer Lohnsteigerung von 40-50% seit 1988 träumen viele. Was sollen da die Krankenschwester oder der Polizist sagen, die nach Tvöd bezahlt werden (und die gehören noch zu denen, die Glück haben)???

  2. ktitzedent
    Lohnsteigerung kann ich leider nicht einschätzen, es gab aber definitiv Erhöhungen(im Gegensatz zur GOZ – Null Erhöhung!)
    Die Einnahmen der gestzlichen Kassen haben sich von 1994 mit 118 Mrd € auf 172 Mrd € im Jahr 2009 erhöht – das ist eine Steigerung von 100% auf 145% !! (nachzulesen bei http://www.gbe-bund.de)
    Außerdem hat die GOZ gar nichts mit den gesetzlichen Krankenkassen zu tun – die ist für die Privatabrechnung gedacht.Und hier kalkulieren die Privatversicherer die Pramienhöhe nach den Ausgaben der letzten Jahre.

  3. RE: Warum Einzelkronen selten sind
    [quote name=“sven“]
    Von einer Lohnsteigerung von 40-50% seit 1988 träumen viele. Was sollen da die Krankenschwester oder der Polizist sagen, die nach Tvöd bezahlt werden (und die gehören noch zu denen, die Glück haben)???[/quote]
    Tvöd:
    Besoldungsgruppe A2 1988 Monatsbrutto 1809,03 DM = 924,94 EUR;
    Besoldungsgruppe A2 2011 Monatsbrutto 1698,15 EUR;
    ergibt ein Plus von 773,21 EUR oder 83%
    Also 83% Erhöhung sind wohl nicht so schlecht.
    Quelle: http://oeffentlicher-dienst.info/beamte/bund/archiv/2010er/

  4. RE: Warum Einzelkronen selten sind
    [quote name=“sven“]
    Wenn sich die Einnahmen der Krankenkassen um 40-50% erhöht hätten, und die Löhne sich um 40-50% erhöht hätten, wäre das sicher realistisch
    [/quote]
    Gesamteinnahmen gesetzliche Krankenkassen 1991 92 Mrd EUR,
    2009 171 Mrd EUR, sind eine Erhöhung der Einnahmen der Krankenkassen um 79 Mrd EUR, also 85%.Quelle: BMG
    Privatversicherte zahlen auch nicht mehr Ihren Beitrag von 1988. Da wird oft pro Jahr um 10% erhöht.

  5. RE: Warum Einzelkronen selten sind
    Hallo, sowohl KZV, Krankenkasse und Pat. stehen in vertraglichem Verbund mit den ZÄ; welche völlig unabhängig von der eigenen Wirtschaftslage zu einer vertragsgerechten richtliniengemäßen Behandlung ohne eigenen Ermessensspielraum verpflichtet sind. So wie die GOZ für den ZA bindend ist, sind es auch die zu erbringenden Leistungen.Auch der subventionierte Kuhbauer darf nicht einfach Dreck füttern, weil es ihm einträglicher erscheint. Wenn also ein ZA einem Pat. ohne zwingende Indikation und ohne umfassende Aufklärung eine wirtschaftsorientierte, statt eine medizin. erforderliche Behandlung, wie „Solidaritätskronen“ verpasst, so liegt hier ein Betrug gegenüber Pat. und Kasse vor. Derartige Herabsetzung der Hemmschwelle ist der beste Nährboden für Behandlungsfehler und hüllt dauerhaft die kassenärztliche Versorgung aus. Würden Ärzte und ZA ordentliche Arbeit leisten und auch ordnungsgemäß abrechnen, dann stünden den Kassen Milliarden zur Verfügung .

  6. RE: Warum Einzelkronen selten sind
    Das hier praktizierte Schönreden eines Betrugs durch Vergleich mit dem Kuhstall ist schlicht und einfach ein „Saustall“ und die Spitze eines Eisbergs.Den Behandlern erscheint es wohl einfacher, die verminderten Einnnahmen dem Pat. durch eine verschlechterte Versorgung anzulasten, statt sich gegen die „Brötchengeber“ durchzusetzen. Wer bereits erlebt hat, dass Orthopäden selbst bei höchstgradigen Schmerzen einen mehrwöchigen Wartetermin in Aussicht stellen, dem zeigt sich deutlich, von welcher Mentalität so mancher Behandler geprägt ist. Unter Betrachtung von manchen Fuhrparks der wirtschaftlich schwer getrofffen ZÄ ist die dargestellte Leidensgeschichte auch nicht immer glaubhaft.

    MfG Ertl

  7. RE: Warum Einzelkronen selten sind
    [quote name=“Ertl“]…so liegt hier ein Betrug gegenüber Pat. und Kasse vor. Derartige Herabsetzung der Hemmschwelle ist der beste Nährboden für Behandlungsfehler und hüllt dauerhaft die kassenärztliche Versorgung aus. Würden Ärzte und ZA ordentliche Arbeit leisten und auch ordnungsgemäß abrechnen, dann stünden den Kassen Milliarden zur Verfügung .[/quote]
    Hallo Fr. Ertl, da kann ich absolut zustimmen, wenn es so wäre, wie sie geschrieben haben, hätten wir andere Verhältnisse. Vielleicht auch nicht vollkommene, aber gesündere. Der Krankenkassentopf muss zuerst die Lobby-Interessen bedienen, und dann kommen erst die Patienten, die diejenigen sind, die einzahlen, dann ist aber nicht mehr viel im Topf.
    Je kränker die Leute, umso mehr wird verdient.
    Solange das so ist, sind gute Ärzte die Dummen, – die Patienten sind es sowieso.

  8. RE: Warum Einzelkronen selten sind
    Hallo Sven, es kommt immer mehr darauf an, ob der Pat. für den Behandler wirtschaftlich krank ist. Wer hinter die Kulissen blickt, dem sträuben sich bei der derzeitigen Entwicklung alle Haare.Der Pat. wird nicht immer aus medizinischen Gründen stationär eingewiesen, sondern auch sobald sich der Verdacht einer Unwirtschaftlichkeit ergibt. Die Klagen unzufriedener und geschädigter Pat. nehmen enorm zu, so dass hier bereits im Bundesjustizministerium an Gesetzesänderungen gearbeitet wird. Ob es was hilft wird sich erst noch zeigen müssen, wenn der Patientenbeauftragte Zöller sein Werk vollendet hat.

  9. RE: Warum Einzelkronen selten sind
    Eine Anpassung der GOZ nach 23 Jahren Stillstand ist dringlich erforderlich und auch in der Höhe völlig gerechtfertigt. Nur wird diese definitv nicht von der Politik und der PKV abgesegnet und in dieser Höhe eintreten. Auch die 6% sind eine unverschämte Lüge weil die Positionen die am Meisten durchgeführt und abgerechnet werden ,nämlich Dentin-Adhäsive-Füllungen, abgewertet werden sollen. Abgesehen davon würde es den Großteil der Zahnärzte nicht dazu verleiten qualitativ besser zu arbeiten sondern eher die Gewinnspanne zu maximieren. Viele meiner Kollegen sind zu besserer Qualität wahrscheinlich auch gar nicht in der Lage. In meiner zweijährigen Überweisertätigkeit in Frankfurt habe ich soviel von Kollegen verzapften Unsinn gesehen, daß man sich fragt wie die überhaupt ihr Abitur bestanden haben.

  10. RE: Warum Einzelkronen selten sind
    [quote name=“Markus“]..Abgesehen davon würde es den Großteil der Zahnärzte nicht dazu verleiten qualitativ besser zu arbeiten
    sondern eher die Gewinnspanne zu maximieren.
    Viele meiner Kollegen sind zu besserer Qualität wahrscheinlich auch gar nicht in der Lage.
    In meiner zweijährigen Überweisertätigkeit in Frankfurt habe ich soviel von Kollegen verzapften Unsinn gesehen, daß man sich fragt wie die überhaupt ihr Abitur bestanden haben.[/quote]
    😮 Den Verdacht hatte ich ja immer schon, aber dass es mal jemand so deutlich sagt…

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