Palliative Zahnarzterei

SANY0175Der kommende Tod eines Menschen und die Zeit davor wird in unserer Gesellschaft am liebsten ausgeblendet. Wir wollen jugendliche Spannkraft sehen, keine altersschwachen Figuren, die ohne Pflegehilfe keinen Schritt mehr vor den anderen setzen können.

Genauso kommt mir (Joachim Wagner, Zahnarzt) auch die Einstellung des offiziellen Berufsstandes zu den Mundzuständen dieser Hinfälligen vor. Besser nicht hinschauen, man könnte ja sonst Unerfreuliches zu sehen bekommen. Z.B. dass 30% aller noch im Mund befindlichen Zähne sich matschig zersetzt haben und sich niemand dafür interessiert.

SANY0176Heute kommt mein langjähriger Patient K.M. (86) mit der Hilfe seiner Tochter in meine Praxis und antwortet auf die Frage, wie es ihm denn so gehe, wahrheitsgemäß mit „Schlecht!“. Ich kenne den alten Mann lange und gut (auch privat) und kann mich nicht erinnern, jemals eine solche Antwort gehört zu haben. Aber die Art und Weise, wie er in das Zimmer schlurft und fast nicht auf den Behandlungsstuhl aufsteigen kann, sagt mir, dass es zu Ende gehen wird. Dass ich ihn in der Praxis vermutlich nicht mehr wiedersehen werde.

Was tun?

SANY0177Soll ich als Zahnarzt mit meinem ganzen Wissenshintergrund bei diesem Menschen allen Ernstes noch mal mit einer „Sanierung“, also einem großangelegten Heilungseingriff anfangen? Soll ich alle nicht erhaltungswürdigen Zähne ziehen; so wie das im Vertrag mit den Krankenkassen vorgesehen ist? Müssen wirklich unbedingt alle Löcher in den Zähnen gestopft werden? Und was ist mit dem Halbabgebrochenen?

 Das letzte Bild des komplett „weggerosteten“ Zahns 41 (= unterer Schneidezahn, der im ersten Bild sichtbar fehlt) bringt die Frage nach der richtigen und angemessenen Behandlung noch einmal auf den Punkt: Herr K.M. hat überhaupt nicht bemerkt, dass die Karies seinen Schneidezahn so gründlich unterminiert hat, so dass dieser beim Versuch des Zahnarztes, ihn zu reparieren, sich ohne Anstrengung in Krone und Wurzel trennt.

SANY0178In Absprache mit meinem Patienten habe ich die Wurzel oben gesäubert und mit Glas Ionomer Zement abgedeckt – ohne ein Röntgenbild anzufertigen. Im vergleichbaren Zustand wie dieser abgebrochene Zahn 41 befinden sich weitere 2 Zähne im Oberkiefer. Vermutlich hat der Zahnnerv schon länger das Zeitliche gesegnet und darum empfindet der Patient auch keine Schmerzen. Das Entfernen der Wurzel biete ich dem Patienten für den Fall an, dass es wider Erwarten doch noch einmal zu Schmerzen kommt. Erfahrungsgemäß passiert das bei Menschen im fortgeschrittenen Alterungsprozess eher nicht.

7 Replies to “Palliative Zahnarzterei”

  1. Offen und ehrlich
    Was würde der typische Kollege da tun?
    Das Erbe der Nachkommen um die Kosten
    von mindestens drei Implantaten schmälern.

    LG

    HP

  2. Einfach nur noch peinlich
    [quote name=“Horst P.“]Was würde der typische Kollege da tun?
    Das Erbe der Nachkommen um die Kosten
    von mindestens drei Implantaten schmälern.

    LG

    HP[/quote]
    Herr Horst mal wieder…

  3. RE: Palliative Zahnarzterei
    vielleicht sollten Sie sich soetwas wie ein Hobby zulegen, Horst. Dann bestünde die Möglichkeit, die Zahn- Kiefer- wasauchimmerSchmerzen wenigstens zeitweise in den Hintergrund treten zu lassen.

  4. Horst
    Ich weiß Horst schreibt sehr viel und vieles davon ist pure Hetzerei. Aber in diesem einen Beispiel denke ich, dass er Recht hat. Ich glaube jeder Zahnarzt hätte da noch mehr gemacht als Herr Dr. Wagner, frei nach dem Motto: Hier kann man noch was verdienen. Was aber auch irgendwo normal ist finde ich. LG

  5. Hetze?
    [quote name=“Fietes88″]Ich weiß Horst schreibt sehr viel und vieles davon ist pure Hetzerei. Aber in diesem einen Beispiel denke ich, dass er Recht hat. Ich glaube jeder Zahnarzt hätte da noch mehr gemacht als Herr Dr. Wagner, frei nach dem Motto: Hier kann man noch was verdienen. Was aber auch irgendwo normal ist finde ich. LG[/quote]

    Es ist nicht meine Absicht, zu „hetzen“.. Ich provoziere.

    Herr Wagner behandelt erfolgreich mit Prof. Walkhoff CHKM.

    Besonders charmant sind die Beiträge über Keramikschrott und Komposit.

    Und die Alternativen. GIZ. Und JA: Metall. Auch Amalgam.

    Was ich anders sehe, ist die Schädlichkeit von Verzahnungsfehlern. Eigene Erfahrung. Einseitiger Kreuzbiß 45.

    LG

    HP

  6. RE: Palliative Zahnarzterei
    [quote name=“Fietes88″]Ich weiß Horst schreibt sehr viel und vieles davon ist pure Hetzerei. Aber in diesem einen Beispiel denke ich, dass er Recht hat. Ich glaube jeder Zahnarzt hätte da noch mehr gemacht als Herr Dr. Wagner, frei nach dem Motto: Hier kann man noch was verdienen. Was aber auch irgendwo normal ist finde ich. LG[/quote]
    Danke für den ehrlichen Kommentar. Andere schreiben „Der mal wieder“. Auch in den 30er 40er Jahren des letztzen Jahrhunderts hat keiner was gewußt. War Mengele Arzt? Sind Zahnärzte namentlich bekannt?

    LG

    H. P.

  7. Hobbies
    [quote name=“hallöchen“]vielleicht sollten Sie sich soetwas wie ein Hobby zulegen, Horst. Dann bestünde die Möglichkeit, die Zahn- Kiefer- wasauchimmerSchmerzen wenigstens zeitweise in den Hintergrund treten zu lassen.[/quote]

    Ich habe mir hobbymäßig grobe iatrogene Vorkontakte selber eingefeilt.

    Fachleute sagen:
    zwei Zähne müssen raus.
    fünf Zähne müssen raus.
    Kieferchirurg will offene Kürettage. abrechnen. Immerhin den einseitigen Kreuzbiß regio 45 erkannt.

    Sind Sie sicher, daß Sie diese Geschichte auch nur im Ansatz begreifen?

    5 Jahre später. Die iatrogen erzeugte traumatische Okklusion gebessert. Keinen weiteren Zahn verloren.

    Aber den Respekt vor Zahnklempnern. Was machen Sie eigentlich beruflich ???

    LG

    HP

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