Die Schmerzodysee.. und kein Ende in Sicht

Folgender Beitrag wurde kürzlich in einem der vielen Patientenforen veröffentlicht:


Die Schmerzodysee.. und kein Ende in Sicht! Vier lange Jahre war ich bei keinem Zahnarzt. Nach meinem 18. Geburtstag hatte meine Mutter verständlicherweise keine Lust mehr, meine Zahnarzttermine klar zu machen (welche mich damals schon in regelrechte Panik versetzten). Ich gehöre zu den absoluten Angstpatienten und habe schließlich (nach einem deutlich fühlbaren und extrem schmerzenden Loch) endlich einen Zahnarzt gefunden,… Ich entschied mich nach mehreren Beratungsgesprächen (und Herzrasen, wenn er mir nur in den Mund geguckt hat!) für zwei Sitzungen in Vollnarkose, denn er fand so einige Schwachstellen in meinem Mund. Alle alten Keramikinlays waren scheinbar undicht, so dass Bakterien in den Zahnhals dringen konnten. Alle Inlays mussten raus, es mussten außerdem mehrere Wurzelbehandlungen gemacht werden… neben den neuen Inlays habe ich nun auch 4 Kronen in meinem Mund. Ich habe die Zeit von Juni bis Ende August nur überstanden, indem ich eine ungeheure Menge an Schmerzmitteln konsumierte. Am schlimmsten war letztendlich dann eine Zahnfleischentzündung, die sich ständig bis in meinen Kopf hochzog und so schlimme Schmerzen verursachte, dass ich oft einfach nur auf dem Parkettboden lag und auf das Einsetzen der Wirkung der Tabletten wartete. Vor drei Wochen war ich dann noch mal beim ZA um die Entzündung behandeln zu lassen, seither wurde es besser. Seit zwei Tagen tun mir jedoch wieder alle bekronten Zähne weh + plus die Zahnfleischentzündung beginnt auch wieder in den Kopf auszustrahlen. Chlorhexamed hat meine Zähne schon unschön braun gefärbt, weil ich Depp den Beipackzettel nicht gelesen habe. Dentaisolon ist leer… und ich hatte mir eigentlich vorgenommen, keine Medikamente mehr zu kaufen, aber ich werde wohl nicht drum rum kommen- leider. Ich mache mir nur unheimliche Sorgen, weshalb mir alle bekronten Zähne so wehtun. Ich hatte letzte Nacht meine Zahnschiene vergessen und wachte mitten in der Nacht auf und hatte so schlimme Schmerzen, …unbeschreiblich… hatte Sorge, ohnmächtig zu werden! Ich befürchte, dass durch psychischen Stress (Zähneknirschen bzw. heftiges Aufeinanderdrücken der Kiefer) die Nerven noch langsamer abheilen… oder eine Heilung der Nerven erst möglich ist, wenn ich aufhöre, meine Kiefermuskulatur im Schlaf zu verkrampfen. Was meint ihr? Ich glaube nämlich allmählich nicht mehr nur an die Folgen einer 'Überbelastung' aufgrund der strapaziösen Behandlungen unter Vollnarkose. P.S: 17.000 €… geht lieber zum ZA bevor ihr sowas durchmachen müsst!!!!!!! Maget


Was fällt dem Fachmann bei dieser Schilderung auf?

  1.  Die Patientin ist vermutlich unter 30 Jahre alt und privat versichert. Sie hatte bereits Inlays im Mund, die nicht vom derzeitigen Behandler stammen.
  2.  Die Patientin beschreibt keine Zahnschmerzen vor der aktuellen Behandlungsserie, dafür aber jetzt äußerst heftige Schmerzen ("hatte Sorge ohnmächtig zu werden), sowohl tags als auch nachts nach der Behandlung in Vollnarkose, und das seit mehr als 3 Monaten.
  3. Der aktuelle Behandler hat alle (!) vorherigen Keramikinlays entfernt mit der Begründung, sie seien undicht. 
  4. "Überbelastung aufgrund der strapaziösen Behandlung unter Vollnarkose" hat der Behandler als Begründung für die derzeitige desolate Lage vorgebracht.
  5. Der Spaß hat 17.000,– Euro gekostet.

Bewertung
Die "gute" Privatversicherung hat leider einen unschönen Effekt: der Behandler sieht vor lauter Dollarzeichen im Auge das ernste Schmerzproblem nicht mehr, das er selbst angerichtet hat. 17 große Euroscheine (tatsächlich 34 Stück 500er, weil es ja keine 1000er gibt) für 4 Kronen, einige Keramikteile und "mehrere" Wurzelbehandlungen erreicht man auch als großverdienender Zahnarzt nur durch den Interessenschwerpunkt Abrechnung.

Die Tatsache, dass die Patientin nach den Eingriffen des Kollegoiden "ungeheure Mengen an Schmerzmitteln" nehmen mußte und vor allem auch nachts "unbeschreiblich schlimme Zahnschmerzen" erleidet, ist ein eindeutiges Indiz dafür, dass der Zahnbearbeiter Pulpitiden (Entzündungen des Zahnmarks) verursacht bzw. hinterlassen hat. Die von der Patientin als mögliche Ursache betrachtete "Zahnfleischentzündung" spielt mit 99%iger Sicherheit keine Rolle bei der Entstehung der Schmerzen. Die Behandlung von Zähnen in Vollnarkose ist eine – wie der Autor dieses Artikels hier (Joachim Wagner) aus eigener Erfahrung weiß – durchaus zweischneidige Angelegenheit. Zwar erduldet der ohnmächtige Patient ohne Protest das Aufbohren und Zerlegen eines lebenden Zahnnervs ohne Widerstand, dafür fällt aber der Abwehrreflex aus, wenn die zahnärztliche Turbine dem lebenden Zahnnerv bei der Kronenpräparation (Beschleifung) zu nahe kommt.

Jetzt ist guter Rat teuer, denn die Angststörung ist ja immer noch da. Eines sollte der Rechnungsakrobat in diesem Stück aber zumindest veranlassen: eine Schmerzunterdrückung mit wirksamen Mitteln. Dazu sind ein paar warme Worte wie "Überbelastung …" jedoch nicht geeignet.

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