Zentrale Sensibilisierung – überstarke Zahnschmerzen sind nicht normal

Diese wissenschaftliche Studie von 2003 durch die Kopfschmerz-Truppe um Dr. T. Bartsch und Dr. P.J. Goadsby ist einer der ganz wichtigen Meilensteine für das Verstehen von Schmerzen, die das Nervensystem selbst verursacht. Gesucht wird in diesem Experiment die 2. Nervzelle in der Medulla oblongata (verlängertes Rückenmark), die den 1. Nervzellen mit Sensoren im Gesicht, Kopf, Hirnhaut etc. nachgeschaltet ist.

Methode: Erwachsene Sprague-Dawley Ratten (300 – 400g) werden mittels Pentobarbital ins Koma gelegt. Der Kopf wird in eine Halterung eingespannt, dann erfolgt die Freilegung der Dura mater (harte Hirnhaut) durch Entfernung von Schädelknochen. Dazu kommt die Freilegung des großen okkzipitalen Nervs (GON) und eine einseitige Darstellung der tiefen Halsmuskulatur. Mittels Mikrostepper (in 5 ym Schritten) wird eine Elektrode in das Rückenmark gesenkt. Dann erfolgt die Reizung des GON und der Dura mater mit elektrischen Rechtecksignalen. Die im Rückenmark versenkte Elektrode findet nun einzelne Nervzellen im so genannten „dorsalen Horn von C2“ und leitet deren Signal nach außen. Sobald eine Zelle gefunden ist, die auf beide Reizströme (GON und dura mater) anspricht, beginnt die eigentliche Arbeit. Es geht jetzt darum, alle Signale aus dem Einzugsgebiet dieser 2. Nervenzelle in allen Teilbereichen (Tastsinn, Krafteinwirkung, Muskeldehnung, leichte Berührung, Wärme/Kälte, Größe des mechanorezeptiven Feldes …) zu erfassen.

Gibt man jetzt ein Reizmittel für C-Fasern (ganz dünn überzogene Nervenfasern) für 30 Minuten in Form eines Schwämmchens getränkt mit Senföl auf die vorher erfaßte Stelle der offen liegenden Hirnhaut (Dura mater), dann kann man die Kurve im Bild oben messen.

Ergebnis: die gemessene nachgeschaltete Nervenzelle in der Medulla oblongata macht eine Signalverarbeitung ohne Reizung der Dura mater in normaler Weise, die hier als 100% definiert wird. Das heißt, dass z.B. eine Streicheleinheit auf der Wange so weiter gegeben wird, dass die dritte und folgende Nervenzelle (im Thalamus) die Information „Streicheleinheit“ erhält. Wird aber im Einzugsgebiet dieser Zelle gleichzeitig ein Reizsignal (Senföl) gesendet, dann führt diese Störgröße dazu, dass die Zelle ein bis zu 4-fach höheres Ausgangssignal liefert – auch beim leichten Streicheln. Das wird dann von nachfolgenden Nervzellen als Großalarm gewertet und kommt im Bewußtsein als starker bis sehr starker Schmerz an.

Fazit: die sogenannte zentrale Sensibilisierung ist kein Hirngespinst, sondern ein jetzt nachgewiesener Mechanismus. Und genau davon sind viele Zahnpatienten betroffen.

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