Warum man bei CMD Schmerzen genauer in das Hirn schauen sollte

Journal: Cells Tissues Organs. 2005;180(1):69-75.

Autoren: Sarlani E, Greenspan JD.

Institut: Department of Diagnostic Sciences and Pathology, Dental School, and UMB Research Center for Neuroendocrine Influences on Pain, University of Maryland, Baltimore, MD 21201, USA.

Zusammenfassung: Temporo mandibular disorder (TMD) Patienten (Anmerkung Joachim Wagner: die nur in Deutschland wegen einer bestimmten Hardliner Fraktion in der DGZMK nicht TMD, sondern CMD-Patienten genannt werden) zeigen oft sehr verschiedenartige Schmerzformen, als auch eine größere Sensibilität auf experimentelle Schmerzversuche als schmerzfreie Kontrollpersonen, was eine Beteiligung von zentralen pathophysiologischen (krankhaften) Mechanismen bei TMD nahelegt. Dazu kommt, dass TMD häufiger bei Frauen vorkommt, was mit der höheren Sensibilität von Frauen bei experimentellen Schmerzversuchen zusammenhängen könnte. Frauen reagieren stärker auf die Summe an Wärmeschmerzreizen im Schläfenlappen des Hirns (Temporal-Lappen) als Männer. Die Summierung im Schläfenlappen, also die Verstärkung der Schmerz Intensität durch dauernde schmerzhafte Reize mit gleichbleibender Intensität bei hoher Frequenz, ist zentral gesteuert. Die größere temporale Summierung bei Frauen zeigt damit an, dass ihre zentrale Schmerzverarbeitung hochreguliert ist im Vergleich zu Männern. Aktuelle Studien in unserem Labor suchen nach weiteren Beweisen für die Hochregulierung der zentralen Schmerzverarbeitung bei Frauen gegenüber Männern und bei TMD Patienten verglichen mit gesunden Kontrollpersonen. Dabei werden die Gruppen-Differenzen der temporalen Summierung bewertet, die bei mechanischer Schmerzreizung entstehen und den Nachbeschwerden, die nach wiederholten schmerzhaften Reizen folgen.

Methode: 16 Serien mit jeweils 10 spitzen Pieksreize werden auf einen Finger  von 25 weiblichen TMD-Patientinnen, 25 gesunden Frauen und 25 gesunden Männern gegeben. Die Reizerzeugung ist computergesteuert. Alle Testpersonen bewerten die Schmerzintensität des 1., des 5. und des 10. Reizes jeder Serie und dazu die Nacherscheinungen nach 15 Sekunden und 1 Minute auf einer Visuellen Analog Skala (VAS) von 0 bis 10.

Ergebnis: TMD Patienten zeigen eine größere Summierung im Temporallappen, stärkere Nacherscheinungen und häufiger schmerzhafte Nachreaktionen als alle  Kontrollpersonen. Gesunde weibliche Kontrollpersonen zeigten ebenfalls eine größere Summierung im Temporallappen, stärkere Nacherscheinungen und häufiger schmerzhafte Nachreaktionen aber nur im Vergleich zu gesunden männlichen Kontrollpersonen.

Die größere Summierung von Schmerzen und Nachbeschwerden im Temporallappen bei leichten Schmerzreizen auf die Finger von TMD Patientinnen gegenüber gesunden Kontrollpersonen legt eine insgesamt erhöhte Erregbarkeit der zentralen Schmerzverarbeitung in dieser Patienten Gruppe nahe.

Diese allgemeine Überempfindlichkeit könnte zur Entwicklung und/oder Unterhaltung einer chronischen TMD Schmerzerkrankungen beitragen. Dazu scheint auch die größere Summierung von Schmerzen und Nachbeschwerden in gesunden Frauen gegenüber gesunden Männern anzudeuten, dass bei Frauen grundsätzlich die zentrale Verarbeitung schmerzhafter Signal hin zu krankhafter Übererregbarkeit  leichter hochgeregelt werden kann, was möglicherweise die erhebliche Überrepräsentierung von Frauen bei TMD erklären könnte.

PMID: 16088135 [PubMed – indexed for MEDLINE]

Originaltext:
Why look in the brain for answers to temporomandibular disorder pain? Sarlani E, Greenspan JD. Department of Diagnostic Sciences and Pathology, Dental School, and UMB Research Center for Neuroendocrine Influences on Pain, University of Maryland, Baltimore, MD 21201, USA. Temporomandibular disorder (TMD) patients often exhibit widespread clinical pain, as well as greater sensitivity to experimental pain than pain-free controls, suggesting a role of central pathophysiologic mechanisms in TMD. Moreover, TMD is more prevalent among women, which may be related to the higher sensitivity of women to experimental pain. Women also exhibit greater temporal summation of heat pain compared to men. Temporal summation, the increase in pain intensity upon repetitive noxious stimulation of constant intensity, at a high frequency is centrally mediated. Thus, greater temporal summation in women indicates that their central nociceptive processing is upregulated compared to men. Recent studies in our research center sought further evidence for upregulation of central nociceptive processing in females compared to males and in TMD patients compared to healthy controls, assessing group differences in temporal summation of mechanically evoked pain, and aftersensations following repetitive noxious stimulation. Sixteen series of 10 repetitive, sharp, mechanical stimuli were applied to the fingers of 25 female TMD patients, 25 healthy women, and 25 healthy men, with a computer-controlled small probe. All subjects rated the pain intensity or the unpleasantness evoked by the 1st, 5th and 10th stimulus in the series, and the aftersensations 15 s and 1 min after the last stimulus on visual-analog scales. TMD patients exhibited greater temporal summation of pain and unpleasantness, stronger aftersensations, and more frequent painful aftersensations than controls. Healthy females showed greater temporal summation of pain intensity and unpleasantness, higher intensity and unpleasantness of aftersensations, and more frequent painful aftersensations than males. Greater temporal summation of pain and aftersensations from digital stimulation of TMD patients than controls suggest a generalized hyperexcitability of the central nociceptive system in this patient group. Such hyperexcitability may contribute to the development and/or maintenance of chronic TMD pain. Moreover, greater temporal summation of pain and aftersensations in healthy females than males indicate that their central processing of nociceptive input may be more easily upregulated into pathological hyperexcitability, possibly accounting for the predominance of TMD among women. (c) 2005 S. Karger AG, Basel PMID: 16088135 [PubMed – indexed for MEDLINE]


Kommentar Joachim Wagner: Diese Arbeit ist jetzt auch schon wieder 2 Jahre alt. Nichts aber wirklich überhaupt nichts davon erscheint in der deutschen Dentalpresse. Das ist der eigentliche Skandal. Was den Herren Gnathologen und Prothetik-Strategen nicht in den Kram passt …

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