Wirbelsäulen Orthopädie für Dummies – frag den Gnathologen

Lesen Sie auch die Artikel  Biss der Woche – nicht wie im Lehrbuch   und Wenn der Kieferorthopäde an die Gnathologie glaubt   aus der Rubrik  Biss, Knirschen und ‚Funktion‘

bogen.jpgDer Spitta Verlag sendet den niedergelassenen Zahnärzten unaufgefordert 10 mal im Jahr eine Fachzeitschrift namens „ZMK“ mit einem aufgedruckten Einzelpreis von Euro 8,– zu. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um einen der vielen Werbeträger der Dentalindustrie. Entsprechend wertig sind darin dann auch einige der Redaktionsbeiträge bzw. der Fortbildungsbeiträge von Kollegen/Dozenten. Einen Tiefpunkt in diesem Zusammenhang stellt der Beitrag „Die zentrische Kondylenposition“ von Dr. Jürgen Dapprich, Düsseldorf in der Ausgabe der ZMK Nr. 3 vom März 2008 dar.

 Der bekennende Düsseldorfer Gnathologe (Examen 1968) beschreibt dort auf 5 Seiten mit Farbbildern in erster Linie, wie die Wirbelsäulen-Orthopädie funktioniert – obwohl es der Überschrift nach eigentlich um das Kiefergelenk gehen sollte. Was mich als Leser dabei fasziniert, ist die Unbedenklichkeit, mit der Dr. Dapprich seine Erfahrung in seiner Praxis zum Maßstab für das Universum macht. Das folgende Beispiel ist eines von vielen:

„Ursachen von Funktionsstörung I

Orthopäden können nach eigener Einschätzung den meisten Patienten mit Rückenschmerzen (ca. 80%) nicht helfen, weil sie die Ursachen ihrer Beschwerden nicht kennen (D. Grönemeyer). Dabei liegt die Ursache dieser Beschwerden, wie einige wenige Zahnärzte und manche Orthopäden schon seit über 20 Jahren wissen, im Kiefergelenk und/oder in der Okklusion. Das Kiefergelenk ist das komplizierteste Gelenk des Menschen und kann als einziges seine Endposition nicht frei einstellen, die Zähne zwingen es in eine Endposition, die nur bei ca. 20 Prozent aller Menschen optimal ist. Bereits eine Infraokklusion von 20 bis 40 y auf einer Seite reicht nach meiner Erfahrung aus, um einen Beckenschiefstand und eine skoliotische Verkrümmung der Wirbelsäule auszulösen. Das Kiefergelenk steuert über das Gehirn die Wirbelsäule und das Becken über eine absteigende kinematische Kette. …“

Folgen wir der Logik des Gnathologen, dann sind die gelernten Knochendoktoren bei Schmerzen der Wirbelsäule praktisch überflüssig, stattdessen braucht jeder Rückenschmerzkranke nur eine haargenaue Bissvermessung. Und weil bei 80% aller Menschen die Endposition nicht optimal ist, brauchen diese natürlich neue Endpositions-Okklusal-Goldteile. Von einem Gnathologen der alten Schule, nehmen wir an.

 Lieber Herr Dapprich: das sollten alle Schmerzkranken endlich erfahren, wie einfach das geht. Keine Opioide, kein Morphium und keine Operationen mehr, sondern einfach hier 20 ym (Mikrometer) auf einem Zahn mehr und da vielleicht 40 ym weniger und schon ist er weg, der schlimme Rückenschmerz. Spread the gospel. Halleluja.

Die Sache hat natürlich ein paar Schönheitsfehler. Die Wunderheilungen von richtigen harten chronischen Rückenschmerzen durch den Zahnarzt verlaufen in der Regel selten nach dem Muster „steh auf, nimm dein Bett und gehe“ . Die Wahrheit ist etwas prosaischer: Die Goldteile kommen, der Rückenschmerz bleibt, ganz einfach.  Schaut man sich die Formulierung „wie einige wenige Zahnärzte und manche Orthopäden schon seit über 20 Jahren wissen“ des Kollegen etwas genauer an, dann ahnt man auch was einige wenige Zahnärzte seit über 20 Jahren nicht wissen: dass die Welt sich weitergedreht hat und wir gerade in den letzten Jahren viel Neues dazu bekommen haben.

Zum Beispiel:

  1. TMD (für Deutsche ungefähr= CMD) und fehlende Seitenzahnabstützung haben keine Korrelation. Beweis: Studie aus 2003 in Tanzania. Untersucht werden 725 Personen, die zwar alle intakte Frontzahnreihen haben, aber unterschiedlich viele fehlende Seitenzähne. Bei 17% der Untersuchten endet die Zahnreihe einseitig am Eckzahn, bei weiteren 10% beidseitig am Eckzahn. Vergleicht man jetzt die Symptome der Untersuchten mit gesunden Kontrollen (komplett bezahnt) oder untereinander in Abhängigkeit von der Anzahl der noch vorhandenen Seitenzähne, läßt sich kein Einfluß der Seitenzahnanzahl auf die einschlägigen TMD Symptome erkennen.
  2. A review of the shortened dental arch concept focusing on the work by the Käyser/Nijmegen group.
    Kanno T, Carlsson GE.
    Department of Fixed Prosthodontics, Graduate School of Dentistry, Tohoku University, Sendai, Japan. tarou@mail.tains.tohoku.ac.jp
  3. Signs and symptoms related to temporomandibular disorders–Follow-up of subjects with shortened and complete dental arches .
    Witter DJ, Kreulen CM, Mulder J, Creugers NH.    Department of Oral Function and Prosthetic Dentistry, College of Dental Science, Radboud University Nijmegen Medical Centre, PO Box 9101, 6500 HB Nijmegen, The Netherlands. D.Witter@dent.umcn.nl

Falls sich jetzt der ein oder andere Leser fragt, warum Herr Wagner (ich) hier TMD (oder meinetwegen CMD) Untersuchungen zitiert und keine Rückenschmerzen/Okklusion Studien; das ist einfach zu erklären: die gibt es nicht. Das wiederum liegt an der hanebüchenen Theorie „Bereits eine Infraokklusion von 20 bis 40 y auf einer Seite reicht nach meiner Erfahrung aus, um einen Beckenschiefstand und eine skoliotische Verkrümmung der Wirbelsäule auszulösen.“ Hier lehnt sich Dr. Dapprich derart weit aus dem Fenster, das man nur noch das Sprungtuch holen kann. Kein sich selbst respektierender Wissenschaftler wird sich an einer solchen Theorie heute noch die Finger verbrennen. Davon abgesehen hat es in den 80er Jahren zeitweise eine Mainstream Meinung unter dem Stichwort Gnathologie gegeben, dass die Okklusion eine maßgebliche Ursache für TMD (CMD) wäre. Man kann sich Dr. Dapprich als davon übrig gebliebener Fundamentalist vorstellen. Uns sagen die Wissenschaftler heute außerhalb Deutschlands recht eindeutig, dass TMD und die Okklusion zwei verschiedene Paar Schuhe sind.

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