Schienen gibt es immer

Themenverwandt sind auch die Artikel Aufbissschiene oder Knirscherschiene oder Bissführungsplatte? und Der Kiefergelenksfall – voll normal  aus der Rubrik Biss, Knirschen und ‚Funktion‘

 

Die Vorgeschichte ist die: eine Leidtragende 25-jährige Patientin sucht im Internet in einem der einschlägigen Foren Hilfe mit nachstehendem Text: 

dsc_0391.jpgBitte nicht erschrecken wg. so viel Text – ICH BRAUCH WIRKLICH HIELFE
ich habe seit über zwei Monaten unerklärlich Zahnschmerzen und bitte um Rat.


Erstmal die Kurzfassung:
Oben Links wurde am Zahn 5 eine Wurzelspitzenresektion durchgeführt, ca. 2 Wochen Später am 6 Zahn eine Wurzelbehandlung. Der 6 Zahn ist immer noch provisorisch gefüllt, weil die Beschwerden nicht abklingen. Das Ganze passierte Anfang März, die Schmerzen wurden zwar kurz danach jeweils besser, kehrten aber immer wieder zurück. Schmerzmittel schlagen nicht an, oder kaum, auch die Betäubungen haben jeweils keine komplette Linderung beschafft (obwohl alles taub war was sein sollte). Habe nun immer noch stechende, ziehende schmerzen. Nicht Ständig, immer mal verschwindend und wiederkehrend – mal ist ein ganzen Tag lang Ruhe, mal ein paar Stunden – sonst zieht und sticht es durchgehend seid 2 Monaten (!) Die Schmerzen strahlen je nach Stärke entweder auf die Nachbarszäne aus, oder in den Kopf, Hals, Nacken, Dekolleté oder in den Arm bis zur Handfläche.
Wa hab ich bloß?

Und nun etwas ausführlicher:
Angefangen hat alles Ende Januar mit leichtem Ziehen Links oben (hinten). Mein Zahnarzt hat sofort auf den sechsten Zahn getippt, weil dieser eine tiefe Füllung hatte (Kunststoff). Ich konnte ihm aber weder durch Klopfen noch Kältetest sagen welcher Zahn nun zieht. (reagiert haben 6 und 7 aber mäßig). Da die Beschwerden aber noch sehr erträglich waren, wollte der Arzt abwarten bis die Beschwerden so stark sind, dass ich den betroffenen Zahn ausmachen konnte.

Nun die Beschwerden wurden Anfang März stärker, den Zahn konnte ich aber immer noch nicht ausmachen. Durch erneutes abklopfen wurde dann der 5 Zahn ausgemacht – an diesem wurde letzten Sommer eine Wurzelbehandlung durchgeführt (auf kalt hatte dieser nicht mehr reagiert). Daraufhin wurde eine Wurzelspitzenresektion durchgeführt. Es entstand eine Öffnung in die Kieferhöhle, die aber verschlossen wurde. Der Chirurg musste aber gleich zwei mal ran, weil noch ein Stück Wurzel drin geblieben war. Hatte man sofort auf dem Röntgenbild gesehen und gleich entfernt.

Ich hatte danach starke schmerzen – nicht nur die Postoperativen sonder auch die "alten". Schmerzmittel haben nicht angeschlagen (auch nicht Ibuprofen 800). Nach mehreren Besuchen in der Folgewoche wurde eine verspannte Muskulatur (Kaumuskulatur, Kiefergelenk) diagnostiziert, sollte aber mit wärme und Massage weggehen. Ibuprofen (600) sollte ich weiter nehmen aber regelmäßig. Nach einer Woche wurde es aber wieder schlimmer. Der Operierte Zahn erholte aber sich prächtig und die schmerzen waren ehe ziehend.

Nach erneutem abklopfen und Kältetest wurde nun doch der 6 Zahn (oben links) ausgemacht und sofort wurzelbehandelt – 3 Kanäle wurden aufbereitet. Wurde Abends besser, am nächsten Nachmittag aber wieder schlimmer – da wurde dann der vierte Kanal gefunden und aufbereitet.

Seit dem geht es mit den Schmerzen auf und ab – es gibt gute Tage in denen ich fast schmerzfrei bin und es gibt schlechte Tage in denen es kaum auszuhalten ist. Dabei muss ich sagen, das die Schmerzmittel nicht anschlagen (Ibuprofen 800, 600, Novalgin). Ich bin regelmäßig mal beim Zahnarzt, mal in der Gemeinschaftspraxis der Kieferchirurgen. Der Zahnarzt hat schon mehre Male den 6 Zahn geöffnet, durchgespült, mit Medikament rein (schmerzstillend; desinfizierend).

Die Ärzte in der Anderen Praxis (dort wo ich operiert wurde) schwören darauf, dass die schmerzen durch die verspannten Muskel kommen – dort wurde mir auch Voltaren verschrieben, was langfristig (also mehrere Tage) Linderung verschaffte (nach dem Absetzen waren die Symptome wieder da). Die sagen auch, dass Zähne Ziehen in meinem Fall keine Besserung herbeiführen könnte. Ich bin erst 25 und würde meine Zähne auch äußerst ungern ziehen lassen.

Mein Zahnarzt hält die Muskeln nicht für die Ursache meiner Schmerzen, hat aber sonst auch keinen Rat mehr. Im Grunde macht er seine Arbeit sehr gründlich und Ordentlich, auch der Chirurg hat seine Wurzelfüllungen gelobt (erst auf dem Röntgenbild und dann während der OP – da musste die Füllung nicht von oben aufgefüllt werden, weil diese so gut war). Ich habe mir auch jedes mal die teuereren Wurzelbehandlungen durchführen lassen – die mit genauer Ausmessung usw. (bezahlt die Kasse nicht). Und alle Füllungen sind wie gesagt Kunststoff-Füllungen. Am nächsten Montag möchte der Zahnarzt die Wurzelkanäle füllen und alles abschließen, aber davor habe ich großen Bammel, weil ich immer noch Beschwerden habe.
Seid Freitag Nehme ich Antibiotika, was ebenfalls nicht anschlägt.

Mache z.Zt. auch Manuelle Therapie und Krankengymnastik (vom Zahnarzt verschrieben) hatte aber erst 3 Behandlungen. Dort wurden, wie auch schon durch viele Ärzte, Verspannungen festgestellt. Bin eigentlich am ganzen Körper verspannt, sitze auf der Arbeit viel vorm Computer – gehe aber zum Ausgleich ins fitnesstudio.

Sobald die Wurzelbehandlung am Zahn durch ist, soll ich eine Aufbisschiehne bekommen. Ich knirsche zwar nicht mit den Zähnen, neige aber dazu immer wieder die Zähne aneinader zu Pressen. Versuche das in letzter zeit natürlich zu kontrolieren, wenigstens solang ich wach bin.

Kommen die Schmerzen wirklich von der Muskulatur?
Wo kann sonst die Ursache liegen? (auf den neuesten Röntgenbildern sieht alles Prächtig aus. Der Operierter 5 Zahn erholt sich, der Knochen fängt an sich zu bilden. Der 6 ist noch provisorisch gefüllt. Alle andere Zähne sehen gesund aus)
Welcher Zahn kann denn nun die Ursache sein?

BITTE HELFEN SIE MIR!!! Habe die Schmerzen schon so lange und es ist keine Besserung in sich. Langsam bin ich wirklich am Verzweifeln und habe regelmäßig Nervenzusammenbrüche!


In der Zwischenzeit wurden im Forum in diesem Thread noch einige Antworten ausgetauscht. Ich (Joachim Wagner, Zahnarzt) als Internet Beratungszahnarzt schrieb mehrfach, die Beratungssuchende ebenfalls. Nachfolgend lesen Sie meine letzte Antwort:


 

Sie beschreiben in Ihrer Nachricht den Business as usual. Sie können das so nicht verstehen. Ich skizziere mal die Lage, wie ich sie sehe:

Sie sind eine 25-jährige Patientin mit einem gar nicht so seltenem Leiden ausgehend von einer Überempfindlichkeit des Gesichtsnervs (Trigeminus). Damit verbunden sind Schmerzerscheinungen im Bereich Ohr, Auge, Nasennebenhöhlen, Kiefer, Zähnen, Kälte- und Wärmeempfindlichkeit. Noch einmal zum Wiederholen: Zuerst ist da der überempfindlicheTrigeminus. Dann kommt der ganze andere Zauber. Und die große Rennerei geht los. Vom HNO über den Augenarzt, zum Zahnarzt zum Orthopäden, zum Allgemeinarzt …
aber selten zum Neurologen oder Schmerztherapeut.

Und die ungefähre Fortbildungssituation dieser Fachärzte in Bezug auf eine Neuropathie des Gesichtsnervs sieht in Deutschland zur Zeit so aus, dass sich Auge und HNO relativ schnell für unzuständig erklären, Orthopäden und Zahnärzte dagegen glauben, mit Mechanikermethoden irgend etwas erreichen zu können, die Neurologen wegen chronischer Überlastung keinen Bock auf Neuropathien haben und die Schmerztherapeuten schlicht nicht vorhanden sind.
Das wiederum führt dazu, dass Patienten wie Sie typischerweise einen Sack mit Schienen von Zahnärzten verpasst bekommen, jede Menge Verordnungen zur manuellen Therapie und sackralen Osteopathie erhalten, dazu im Durchschnitt 5 Wurzelfüllungen plus WSRs (Wurzelspitzen- entfernungen) plus Zahnentfernungen erleiden, bis dann alle Beteiligten endlich merken, wohin das führt.

Sie als Patientin wenden sich dann enttäuscht entweder a) der Paramedizin (Homöopathie, Esoterik) zu, oder finden b) einen Schulmediziner, der für Sie die passende Medikation herausfindet, was ein mühsames Geschäft sein kann, oder c) Sie gehören zu den ganz Harten, die mit dem Schmerz leben lernen.

Und jetzt will ich Ihnen auch noch sagen, warum die Verordner der Zahnschienen nie merken werden, dass ihre Behandlung für den Mülleimer ist: Patienten wie Sie merken relativ schnell, ob ein Behandler ein bißchen Ahnung von Ihrer Art Schmerz hat oder nicht. Und die Schienentherapeuten gehören nicht dazu. Deshalb werden Sie einen solchen Kollegen kaum mehr als 2 mal aufsuchen, nämlich jeweils einmal zur Abdrucknahme und zum Einsetzen des Allheilmittels. Der Kollege träumt aber weiter davon, dass er geholfen hat.

Es tut mir leid, Sie so enttäuschen zu müssen, aber so sehe ich die Lage. Kurzzusammenfassung: Vitamin B12, Homöopathie, Warmlicht, manuelle Therapie und Schienen sind schön und gut, aber ziemlich am Thema vorbei. Denn das Thema heißt Neuro….. .

2 Replies to “Schienen gibt es immer”

  1. Joachim Wagner-Rundschlag
    Neuro…. ? und wie weiter ?Welcher Therapievorschlag ? Fast alle Trigeminus-beschwerden werden durch entzündliche Zahn-Mund- Kieferprozeße ausgelöst .Also,wo ist die Entzündung ?:Craniofaziales Dig. Volumentomogramm anfertigen ,ggf.lokalisierte Schmerzausschaltung zur Diagnose Eingrenzung,Z.B.intraligamentär und/oder intraossär !!::: ? vorliegende Mitochondropathie ?? ggf Zahn Ziehen und nicht weiter rumoperieren und Antibiotika+Cortisonverteilung ausdehnen.Zur SchienenTherapie : Halswirbelsäule-Atlas-Axisverschub löst Trigeminusbeschwerden aus : Also : what nu Alles Gute u. Wahre W.Stute,Mitglied DGS : Deut. Ges: f. Schmerztherapie u. Zahnarzt

    1. Lieber Herr Dr. Stute, danke für Ihr Statement. Sie können sich denken, dass ich das anders sehe. Z.B. Wo sehen Sie die empirischen Belege für Ihre These, dass „fast alle Trigeminus Beschwerden durch entzündliche Zahn-Mund-Kiefer Prozesse ausgelöst werden“?
      Viele Grüße
      Joachim Wagner :cheer:

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