Migräne

von MonstersMum @ 2008-05-16 – 09:36:39

Migräne ist Kopfschmerz.
Aber Migräne ist nicht nur Kopfschmerz.
Migräne ist auch viel mehr als nur Kopfschmerz.

Migräne fängt bei mir meist mit bleiender Müdigkeit an.Ich komm nicht aus dem Bett und werde nicht richtig wach.
Ich gehe ins Bad und habe vergessen, was ich dort wollte.
Ohne Routine, würde dann nichts mehr funktionieren.

Meist stellen sich Sehstörungen ein.
Ich werde dann extrem Kurzsichtig.
Oder ich habe einen Flimmerfilm im Sichtfeld.
Wenn es tagsüber beginnt, bekomme ich einen toten Punkt.
Unvorhersehbar.
Ich werde urplötzlich so müde, daß ich im 10-Sekunden-Takt gähnen muß und mir die Augen tränen.

Im weitern Verlauf entwickelt sich eine Aura.
Bei mir ist das ein Druck auf den Kopf.
Es ist, als würde man unter einem riesigem Topf sitzen.
Schwindel kommt hinzu.

Sterne tanzen vor meinen Augen, oder ich sehe alles in Falschfarben. Vor allem wenn es sehr hell ist.
Dann setzen die Schmerzen ein.
Es gleicht häufig einem Angriff.
Urplötzlich.
Ein dröhnender Schmerz schlägt mit voller Wucht von hinten in meinen Schädel ein. Ganz anderes als bei normalen Kopfschmerzen. Wo sich der Schmerz langsam aufbaut und wieder abklingt.
Bei Migräne ist der Schmerz plötzlich da. Als würde einem der Schädel zertrümmert.
Oder es beginnt mit einem Gefühl, das sich anfühlt, wie heiße Stricknadeln hinter die Augen.
Besonders lieben tue ich das Eispickel-in-die-Schläfe-Gefühl.
Das haut mich regelrecht um. Schwindel, Schwarz vor Augen und das Gefühl zu fallen. Ich kann nicht mehr tun, als mich irgendwo festkrallen.
Unwillkürlich drückt man die Hand, auf den Kopf. In hilflosem Versuch den Druck und den Schmerz mit Gegendruck erträglicher zu machen.
Spätestens JETZT sollte ich eine Tablette zur Hand haben. Nur 10 Minuten später, kann das Medikament seine Wirkung nicht mehr entfalten, weil die Verdauung zu großen Teilen aussetzt.

Der Schmerz spielt sich zu 95% Einseitig ab.
Unter drei Tagen läuft bei mir gar nichts.
Aber zum Glück habe ich auch nur sehr selten, länger als drei Tage freude daran.
Wobei einen nichts dafür schützt, sofort einen erneuten Anfall auf der anderen Hälfte zu bekommen, wenn der Anfall der einen Seite abgeklungen ist.
Der Schmerz pocht, pulsiert, klopft, wandert, schwillt auf und ab.
Mal hell, mal dunkel, mal milchig grau……

Zur Zeit habe ich ein Medikament, das mir den Schmerz weitesgehend nehmen kann. Aber Migräne ist mehr als nur Schmerz.
Die Sehstörungen bleiben.
Und ich kann die Entfernung und Geschwindigkeit von Fahrzeugen nicht mehr richtig einschätzen.
Dann dieses Watte-Gefühl im Kopf.
Ich bin unfähig zu logischem Denken.
Jeder Gedanke muß sich erst mühsam durch den zähen Nebel der Migräne kämpfen.
Ich lebe in einem Universum aus Zeitlupe. Während die Welt um mich herum in Normalzeit lebt.
Die Feinmotorik ist beeinträchtigt. Küchearbeiten sind unendlich schwierig. Messer und Gemüse fallen mir aus der Hand. Realisieren kann ich das erst, wenn das Messer 10mm neben meinem Fuß aufschlägt.
Zum Tippen brauche ich unendlich lange. Es ist als würden meine Finger nicht meinem Nervensystem gehorchen. "Breite Finger" bekommt eine neue Bedeutung.
Meine Sprache leidet. Ich vertausche Anfangssilben oder drehe ganze Sätze um. Verwechsele Namen….
Ich bin Licht- und Geräuschempfindlich. Das Geschrei der Monster zerrt an meinen Nerven und jagt neue Schmerzintervalle durch meinen Schädel. Selbst wenn die Monster gar nicht schreien.
Ein Blick aus dem Fenster, in dieses unerträgliche helle Draußen, treibt mir die Tränen in die Augen und läßt kleine Lichter in meinem Sichtfeld explodieren.
Der Alltag wird zum kaum zu bewältigendem Berg.
Kochen ist kaum noch möglich. Ich verhaue selbst einfache Gerichte. Nichts funktioniert mehr, in meinem Kopf….
Ich kann nachts nicht schlafen. Verbringe die Nacht in einem Zustand zwischen Schmerz und Halbwachem Dämmern. Erholsam ist das nicht.
Der Hunger setzt aus. Ich kann kaum etwas essen.
Allerdings ist dies noch das kleinere Übel. Es gibt Leute, die sich bei Migräne die Seele aus dem Leib kotzen!

Ich habe jetzt annähernd 15 Jahre Migräne.
Es gab Zeiten da hatte ich wöchentliche Anfälle.
Und Zeiten, wo ich monatelang gar keinen Anfall hatte.
In den Schwangerschaften und auch kurze Zeit danach, hatte ich die Migräne schon fast vergessen…..
Um dann wieder von ihr eingeholt zu werden.

Ich habe gelernt damit zu leben.
Normales Leben ist auch während eines Anfalles einigermaßen möglich. Wenn auch Eingeschränkt. Sogar leichte, anspruchslose Ausflüge sind möglich. Allerdings nicht ohne MonstersDad. Da meine Wahrnehmung eingeschränkt ist, kann ich mich nicht auf zwei Monster gleichzeitig konzentrieren.
Wenn möglich gönne ich mir bei Anfällen Ruhe. Lege mich hin und versuche zu schlafen. Aber das ist nicht immer möglich.

Ich bin jetzt im dritten Tag und die Migräne läßt langsam nach.
Werde jetzt mal duschen gehen und versuche dann einen Einkaufszettel zusammen zu kriegen…….

2 Replies to “Migräne”

  1. Danke
    Hallo,
    danke für deine treffenden Worte. Hätt alles nicht besser ausdrücken können, denn du sprichst mir aus der Seele.
    Stehe noch ein wenig am Anfang meiner Migräneerfahrungen. Nachdem ich die ersten Anfälle wie ischämische Attacken aussaehen (Sehstörungen,Sprachstörungen,Kribbeln) und die Kopfschmerzen nahezu ausblieben, mache ich neuerdings Erfahrungen mit klassischer Migräne.Übelübelübel, müdemüdemüde,nix geht mehr und dieser dauernde Druck im Kopf. Hab die letzten Tage mit zwei Anfällen gekämpft und mach mir immer noch ein wenig Sorgen wegen dem `drumrum`..und deshalb tut es -sorry- gut zu lesen, dass es sich bei anderen exakt gleich verhält. GerADE DIE Tatsache,dass ich immer wieder gern Silben und Worte vertausche,dieser Brei im Hirn,die viel zu breiten Finger, die fehlende Verbindung des Gehirns zum Körperrest. Dankedankedanke für die trefflichen Worte und hey, wir fliegen zum Mond und transplantieren Herzen. Zeit also, ein wirksames, verträgliches Migränemittel zu erfinden.
    Alles Liebe

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