Spezialisieren oder Untergehen?

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Jürgen Pischl, Chefredakteur der DZW (Deutsche Zahnarzt Woche) mit Sitz in Bonn, bläst die Botschaft jede Woche seinen zahnmdezinischen Lesern um die Ohren. Auch der Ost-Verleger Torsten Oemus versucht seit 10 Jahren, die Kollegenschaft mit seiner 100% industrie gesponserten Postille "ZWP" auf Linie zu bringen, letztere mit sinkendem Erfolg, wie die stark nachgebende Seitenzahl vermuten läßt. Dagegen hat Altmeister Pischl zum 2. Quartal 2008 die Schlagzahl in Richtung "du mußt spezialisieren – sonst gehst du tot" noch einmal erhöht. Ab sofort bekommt der Wald- und Wiesenzahnarzt eine monatliche Ausgabe der "Dental Excellence" regelmäßig auf den Tisch. Umsonst versteht sich, angeblich soll der Schmus laut Aufdruck 9,– Euro kosten.

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 Worum geht es?

Genau genommen um die 20 großen Euroscheine (1.000er). Die möchte die Krims und Krams Universität ansässig in Österreich und dem Verwaltungssitz in Bonn für jeweils einen Titel Master of Wurzelfüllung (Endo) oder Master of Kieferbewegung (Funktion) … von den Tausenden von Interessenten haben, die sich von der Spezialisierung eine automatische Verdoppelung ihrer Patienten, mindestens aber ihrer Honorare vorstellen.

Geld spielt keine Rolex

Natürlich gibt es für unsere Master of Zahnbehandlung auch ein Klientel, das bereit ist, für klangvolle Titel alles zu geben. Es gibt Patienten, die sich nach der Erst – "Sanierung" des Gebisses 2001 und der Ausleitung und Dreifachschutzentfernung von Amalgam und aufwändiger Keramikverkleidung heute überzeugen lassen, dass die damals verwendeten Materialien alle ganz unbiologisch sind. Und dass der Biss auch nicht so super ist, und die damaligen 20.000 DM gerade mal für die Vorarbeiten reichen werden. Im Ernst: mir hat kürzlich ein Kollege vorgerechnet, dass man nach einem Langzeitprovisorium (das sind nicht ganz ernstgemeinte Formen von Zahnersatz, bei dem sich Labor und Zahnarzt in erster Linie die Taschen füllen, und die es in dieser Form nur für Privat Privatpatienten gibt), Zahnfleischchirurgie, Funktionsesoterik verbunden mit Abrechnungsakrobatik und 2 bis 3 Endorevisionen schon mal 17.000 Euro auf dem zahnärztlichen Taxameter stehen haben kann. Unglaublich, aber offensichtlich machbar.

cimg0381-1.jpg Wenn jetzt die endgültige Versorgung ansteht, dann muss ja auch alles dazu passen, auch das Labor; Chinaprodukte sind da nicht gefragt. Also kommen 30 Mille noch obendrauf. Alles zusammen würde so ein Traumfall roundabout 2 Masta Scheine erbringen.

Davon träumen sie

Nicht kleckern, sondern klotzen – wie damals in den goldenen 70er Jahren. Nur der maximale Einsatz von Geld (damals Gold) und Material ist akzeptabel, wenn es um die optimale Zahnmedizin geht. Alles darunter – vor allem die verhasste Krankenkasse, kann nur des Teufels sein. Genauso denkt der angehende Master of Milchzahnheilkunde oder Master of Distalbiss. Ginge es nicht um den prestigeträchtigen Titel "MSc" (Master of Science) in Fettdruck auf dem Praxisschild und der erhofften Umsatzentwicklung, dann wäre der aktuell beworbene Masta of Kieferbewegung (Funktion) für schlappe 23.000 unverkäuflich. Was aber die Kollegen (über 90% der "Absolventen" sind männlich) nicht bedenken:  der Traum vom großen Glück ist nicht von dieser Welt:

  1. Entgegen der Annahme einiger Patienten und der Behauptungen etlicher Behandler sind Zähne zum Leben nicht notwendig. Der Autor (J.W.) hier kommt noch oft genug in Pflege- und Altenheime, wo das Leben auch ganz ohne Zähne stattfindet.
  2. In der deutschen GKV (gesetzliche Krankenversicherung) stehen pro Versicherten im Jahr 15% (Beitragssatz KV)  * 25.000 Euro (Durchschnittsverdiener pro Jahr) * 8% (Anteil der Zahnmedizin an den Gesamtausgaben der GKV) = 300 Euro für alle Zahnarzt Ausgaben incl. Labor zur Verfügung. Und etwa 2/3 aller Deutschen können dazu keinen hohen Zuzahlungen aufbringen, selbst wenn sie es wollten. Für diese muss es also reichen und – wer hätte es gedacht – reicht es auch.
  3. Es ist überhaupt kein Problem 100% des Volkseinkommens in die Medizin zu pumpen, die Amerikaner sind aktuell bei 16%, Tendenz schnell steigen. Man denke nur an moderne bildgebende System, automatisierte Diagnostik, oder Gentechnik Medikamente. Glauben die Zahnärzte allen Ernstes, sie wären so wichtig, wenn es um das Ganze geht?

Zusammenfassung: Fantasten

Kleine Stichelei am Rande:  In Bergisch Gladbach (Luftlinie 30 km von Bonn) gab/gibt es seit den 80-er Jahren die Doktorarbeit Beratungsfirma "Dr. Grätz". Deren Geschäftsmodell besteht/bestand im "beschleunigten" Erstellen von Doktorarbeiten für eine solvente akademische Kundschaft. Das hatte vor vielen Jahren unseren tüchtigen Herrn Pischl schon aktenkundig (er schrieb Leitartikel dazu) inspiriert und geärgert. Insbesondere die 20.000 DM, die laut Insider Informationen für eine solche Doktorarbeit geflossen sein sollen. Es könnte also sein, dass im Zuge der Euro-Umstellung die Kursfindung für den Masta Studiengang ….

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