Neues ist schwer

Themenverwandt sind auch diese Artikel Schienen gibt es immer und Was hat diese Patientin? aus der Rubrik Biss, Knirschen und ‚Funktion‘ 

 

Da sitze ich im Auto und höre den Intelligenzsender DLF (Deutschlandfunk). Das Thema lautet: "Magenerkrankungen". Eine Hörerin meldet sich mit ihrer Geschichte. Seit 15 Jahren hat sie leichte bis mittlere Schmerzen und Drücken in der Bauchgegend. Ihr Hausarzt beruhigt sie mit den Worten, das sei nur ein "nervöser Magen". Vor etwa einem Jahr verschlimmert sich plötzlich der Schmerz. Der hinzugezogene Spezialist führt eine Magenspiegelung durch, diagnostiziert dabei ein Magengeschwür und verschreibt 7 Tage 2 mal 3 Antibiotika Tabletten. Nach Einnahme der Mittel verschwindet der Schmerz vollständig.

Der Professor im Studio des DLF hat mit dieser Beschreibung keine Mühe: das ist eine klassische B-Gastritis, hervorgerufen durch eine chronische Besiedlung des Magens mit dem Bakterium Heliobacter pylori. Was ist an dieser typischen Patientengeschichte der Skandal? 

Es sind gleich 3 Fauxpas (Fehler) des/der Behandler, die hier unangenehm auffallen:

  1. Heliobacter pylori wurde bereits 1983 von Barry Marshall und Robin Warren in Perth, Australien als Ursache von Magengeschwüren entdeckt. 1984 unternahm Barry Marshall einen Selbstversuch mit einem Coctail aus Milliarden von Heliobacter pylori, die er trank. Kurze Zeit später entwickelte er Magengeschwüre, die er mit Antibiotika heilen konnte. Beide australische Forscher wurden lange belächelt und nicht ernstgenommen. Das versammelte Medizin Establishment musste aber 1989 eingestehen, dass die bis dahin unbekannten Aussis Marshall und Warren Recht hatten. Sie erhielten 2005 dafür den Nobelpreis, 20 Jahre danach.
  2. Ärzte, die ihr Staatsexamen bis zum Jahr 1989 abgelegt haben, was auf die Hälfte aller Praktizierenden zutreffen dürfte, kennen keinen Heliobacter ab Studium. Und sie haben "gute" Chancen, dass das auch so bleibt. Es ist offensichtlich schwer, neue Dinge zu akzeptieren, auch dann, wenn sie nachweislich richtig sind. Unser Hausarzt hier hat seine Scheuklappen fest auf und behandelt seine Patientin nach dem gelernten Wissen von anno dazumal.
  3. Die Geschwüre, die aus der bakteriell verursachten Dauerentzündung der Magenschleimhaut hervorgehen, entarten mit einem vorhersagbaren Prozentsatz in Magenkrebs. Spätestens hier muss den Ignoranten (den Medizinern, die nicht dazulernen wollen) die rote Karte gezeigt werden. Ab hier ist es eben keine akademische Spitzfindigkeit mehr, wie genau die Diagnose wirklich lautet, sondern für 2% bis 4% der Betroffenen geht es dann um Alles.

Zusammenfassung: Seit satten 24 Jahren ist die Krankheitsursache der Dauerschmerzen dieser Patientin wissenschaftlich geklärt – von kleinen australischen Amateuren. Seit 19 Jahren akzeptieren die internationalen Fachgesellschaften auch deren Arbeitsergebnisse. Der behandelnde Hausarzt aber nicht. Und das ist kein Einzelfall.

 

Was hat das mit der Zahnmedizin zu tun?

 

In der kleinen Zahnarztgruppe www.logies.de (ist eine Email Gruppe von theoretisch 400 Mitgliedern, von denen 20 schreiben und 5 intensiv dabei sind) streite ich mich mit den Kollegen gerne über folgende Fragen:

Frage A : Hat die flächendeckende Anwendung von Komposite (Kunststoff) unerwünschte Nebenwirkungen?.  Ich sage: In etwa 20% aller gelegten Füllungen kommt es zu Schmerzen beim Zubeissen und einer Temperaturüberempfindlichkeit für mehr als 3 Wochen. Dazu machen min. 5% aller Komposite Füllungen Dauerprobleme mit der Notwendigkeit zur Wurzelbehandlung.

Antwort der Kollegen: Es sind praktisch keine Nebenwirkungen zu beobachten. 

Frage B: Beobachtet ihr bei euren weiblichen Patienten 1) eine Häufung an überaus kälteempfindlichen Zähnen, 2) ungeklärte Dauerschmerzen im Bereich der Kieferhöhle, der Oberkiefer Backenzähne oder des Ohrs und 3) merkwürdige Komplikationen bei Wurzelbehandlungen, also viele Eingriffe mit schlechtem Ergebnis ohne nachvollziehbarem Befund? Ich sage: bei mir sind das sichere 5% aller Frauen, die in dieser Form auffallen.

Antwort der Kollegen: Herr Wagner, Sie sind auf einem Trip. Bei mir kommt so was nicht vor. 

 


Frage an den Leser: Worum geht es hier eigentlich?

 

Um Heliobacter pylori? Um Komposite? Um chronische Gesichtsschmerzen bei Frauen? NEIN! Es geht um die Frage, wie intelligent verhält sich der real existierende Mediziner/Zahnmediziner unter Normalbedingungen. Hat er Scheuklappen auf oder nicht? Will er alles wissen, wirklich und unvoreingenommen?

Die Antwort ist: nicht immer.

Hier ein paar Gründe, warum das so ist:

  • Jeder findet für das, was er gerade macht, Gründe. Jeder rechtfertigt also vor sich selbst seine Methoden und Meinungen. Oft aber hat die Meinung eher Gründe in der Biografie des Meinenden, als in einer kritischen Reflektion des Themas.
  • Patienten mit Schmerzen werden von uns mit den Diagnosen versehen, die uns am besten gefallen. Am liebsten verwenden wir unsere Lieblingsdiagnosen. Also findet der Funktionszahnarzt gehäuft Biss- und Kiefergelenksfehler, der Endodont kann sich mehr für Pulpitiden erwärmen …
  • Kommen vom Patienten ganz merkwürdige Aussagen wie: "das Zahnfleisch schmerzt ganz schlimm genau hier innen an diesem Backenzahn", ohne dass dort das Geringste zu ermitteln wäre, gehen wir gewöhnlich mit freundlichem Desinteresse darüber hinweg und lassen große Chancen ungenutzt.

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