Totalprothese und Knirschen Teil 3

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Der Knirscher und die Totalprothese Teil I  aus der Rubrik Biss, Knirschen und ‚Funktion‘

sany0035.jpg  So gehört die Bißhöhe eigentlich. Das soll heißen, dass die 60-Jährige mit eigenen Zähnen ungefähr einen Abstand zwischen Kinn und Nase wie auf diesem Foto dargestellt haben würde – wenn sie noch eigene Beisser hätte.
 sany0034.jpg  Hier beißt die Pat. zu und zwar auf ihre beiden (!) Totalprothesen. Welcher sehbehinderte Zahnarzt hat wohl diesen Biss verbrochen, fragt sich der Betrachter unwillkürlich. Da fehlen mindestens 10 eher 15 Millimeter Höhe (für die Gnatholegen: das sind 15 mal Tausend Mikrometer, wenn Sie das nicht glauben wollen, holen Sie bitte Ihr Lineal aus der Schublade und legen es auf dem Bildschirm an). Also nochmal zu Klarstellen: das ist ein Foto mit beiden Prothesen im Mund. Der Zahnarzt, der die letzten Prothesen hergestellt hat, bin natürlich ich (Joachim Wagner). Aber selbst ich bin nicht so blind, um zuwenig Biss in der Dicke eines Lehrbuches für Gnathologie nicht zu bemerken.
 sany0031.jpg  Nehmen wir nun die Totalprothese des Unterkiefers heraus, dann sehen wir: viel leere Menge. Da wo früher mal Zähne waren, sind jetzt nicht nur die Beisser weg, sondern es fehlt auch praktisch der komplette Kieferknochen. Der Unterkiefer hat bei Bezahnten ungefähr 40 mm Höhe zwischen der Kaufläche und der Unterseite des Knochens. Diese Patientin hat noch genau 6 mm zwischen der Oberkante des Knochens im Mund und der Unterseite des Unterkiefer Knochens. 
 sany0033.jpg  Jetzt stellt sich die Frage, wie ist das denn passiert? Einen Hinweis geben die Plastikzähne. Abgebildet sehen Sie die Schneidezähne des Unterkiefers, die offenbar ziemlich runtergekaut wurden. Weiß man nun als Fachmensch, wie zäh dieser Kunststoff ist, kann man sich ungefähr ausmalen, welche Knirschbewegungen diese Patientin ausgeübt hat, um trotz des nicht vorhandenen Unterkieferknochens einen solchen Materialabrieb gegen die gleichen  Plastikzähne im Oberkiefer hinzubekommen.
 totale.jpg  Links abgebildet finden Sie zwei zur Collage zusammengefügte Einzel Röntgenbilder im Originalformat 2,5 x 3,5cm. Die Röntgenbilder kommen von einem ähnlichen Fall. Die Höhe des verbliebenen Restknochens beträgt auch hier etwa 6 bis 8mm. Der Knochenkanal für den Unterkiefer Nerv (N. Mandibularis) erscheint auf der linken Seite noch im Bild, rechts schon nicht mehr. Daraus ist zu entnehmen, dass rechts das Kanaldach bereits fehlt.
 totale1.jpg Zum Vergleich sehen Sie links das normale Bild eines Vollbezahnten. Die Röntgenbilder wurden auf die gleiche Weise aufgenommen und verkleinert wie die Bilder oben. Also kann maßstäblich 1:1 der Knochenverlust verglichen werden. Auch in diesen Bildern ist der Unterkiefer Nervkanal sichtbar. Im Vergleich der beiden Collagen wird klar, dass Knirscher mit Totalprothesen ihren Kieferknochen bis zum Nervkanal wegpressen/knirschen. Wenn Ihnen als Nichtzahnmediziner diese Gegenüberstellung der Röntgenbilder zu krass erscheint, kann ich Sie bestärken: krasser geht es kaum. Aber genau so ist es. Der Knirscher zerlegt von seinem ehemals 100% Unterkieferknochen ganz lockere 80%, so dass schlußendlich weniger als 20% stehen bleiben. Was übrig ist, sieht darum stark bruchgefährdet aus.

 

Und wieder liegt hier ein Fall von Knirschen bei Totalprothese vor. Die Problem Mundsituation habe ich leider "geerbt", denn als Behandler hätte ich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um eine Zahnlosigkeit beim Knirscher zu verhindern. Knirschen ist eine angeborene Eigenschaft, die durch keine zahnärztliche Maßnahme beeinflussbar ist – völlig egal, was die KFOten dazu sagen. Zieht man diesen Menschen alle Zähne, dann kommt es unweigerlich immer zu diesen bedauernswerten Kieferkatastrophen. Auf den Punkt gebracht handelt es sich bei einer solchen zahnärztlichen "Versorgung" um eine fachmännisch überwachte Vernachlässigung. Der Einzige, der wissen kann, wohin die Reise beim Vorliegen des angeborenen Pressen/Knirschens geht, ist der Zahnarzt und ausgerechnet der zieht sehenden Auges *) die letzten Beisser und ruiniert damit alle Chancen auf eine Rettung. 

Das ist einer der Gründe, warum ich als niedergelassener Praktiker nicht mehr bereit bin, mir vom Gutachter vorschreiben zu lassen, welchem Patienten ich welche Zähne zu ziehen habe. Ich bin auch nicht mehr bereit, das bisherige offiziell vertretene Zahnersatz Konzept mit der angeblichen  Wichtigkeit des Ersatzes der Zähne von Ohr bis Ohr hinzunehmen – ohne dass die das Konzept vertretenden Herrschaften überhaupt Notiz von der ganz wesentlichen Patienteneigenschaft "Knirschen" nehmen. Solange Knirschen beim Klassifizieren und Einteilen des Zahnersatzes so konsequent wie bisher ausgeblendet bleibt, sind die aktuellen Richtlinien für Zahnersatz meiner Meinung nach nur als Empfehlungen zu betrachten.

  Und wieder darf ich eine meiner peinlichen Fragen an die bezahlten Zahnersatz Päpste wiederholen: wo finde ich dieses – durchaus ernste – Problem schon einmal von Ihnen thematisiert? (Abteilung Ernst: die Patientin ist jetzt 60 Jahre alt. Auf diesem Unterkiefer kann sie keine weiteren 30 bis 40 Jahre weiterknirschen, soviel ist sicher. Was soll ich ihr in 10 Jahren erzählen, wenn es Dauerdruckstellen und nur noch lose Zähne im Unterkiefer gibt? )

 

PS: Obwohl Frau P. mittlerweile durch des Zahnarztes Mithilfe bequem die Unterlippe über die Nase stülpen kann, ist sie von "CMD" und "TMD" nicht betroffen. Schmerzen verursachen nur die regelmäßigen dicken Druckstellen unter der Unterkieferprothese, nicht aber die Kiefergelenke oder die Umgebung davon.

*) stimmt nicht. Die sehen es nicht, das ist ja das Problem. Wobei sich angesichts der recht übersichtlichen 6 Fotos hier die Frage stellt, was es am Zusammenhang zwischen Knirschen/Pressen und verschwundenem Knochen noch großartig zu kapieren gibt. Hallooo, ist da einer zu Hause  …

 

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