Wenn die Zahnheilkunde den Zahnärzten überlassen wird

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Für Zahnfilm DE entdeckt haben britische Kollegen diesen Beitrag des öffentlichen Radios von Chicago, USA. Übersetzt hat ihn Marion Rupp-Wagner. Hochinteressant ist der Kommentar eines gut informierten Insiders am Schluss der (englischen) Originalausgabe.

 
Zahnärztliche Vernachlässigung: Der Engpass in der zahnärztlichen Gesundheitsvorsorge in Illinois

In Illinois braut sich eine wenig beachtete Krise im Gesundheitswesen zusammen. Sie ist nicht beonders sexy, aber sie ist ernst. Diese Krise ist verbunden mit lebensbedrohlichen Erkrankungen, Ernährung und sogar mit den Arbeitsaussichten – das Problem ist der Zugang zu zahnärztlicher Versorgung. Illinois ist die drittgrößte unterversorgte Stadt in den USA. Die wenigen Kliniken, die sich der Armen in der Bevölkerung annehmen, sind überflutet mit ihnen. Jetzt, da immer mehr Menschen ihre Arbeit verlieren, rüsten sich die Kliniken für eine neue Patientenflut.

Die Klinik der Universität von Illinois an der zahnärztlichen Akademie von Chicago öffnet pünktlich morgens um 7 Uhr 30. Eine geraume Zeit davor, um 6 Uhr 45, die Sonne kommt gerade über den Horizont, bilden schon 30 Leute eine Schlange vor den Türen – und sie sind nicht glücklich.

STIMMEN: Es ist wie ein dumpfes Klopfen… es ist eine Art von stumpfem Schmerz, sehr eigenartig…. Ich kann nachts nicht schlafen. Die letzten zwei Nächte konnte ich nicht schlafen… fühlt sich an als ob der 1967er Krieg zwischen den Arabern und den Palästinensern in meinem Mund tobt.

Die vorne in der Schlange stehen, waren um 5 Uhr 30 morgens hier. Sie sind hier, weil diese Klinik ihre Behandlung von öffentlichen Hilfsgeldern bezahlt; einige haben gar keine Versicherung, z.B. Michael Angelakos.

ANGELAKOS: Zahnarzt? Kann ich mir nicht mehr leisten. Kosten haben sich verdreifacht in den letzten 15 Jahren. Die reinste Abzocke.

SPITZER: Welche anderen Möglichkeiten haben Sie, außer aus der eigenen Tasche zu bezahlen oder hierher zu kommen?

ANGELAKOS: Keine. Du musst hierher kommen oder nach Cook County fahren.

Um 7 Uhr 30 zählt die Menschenschlange etwa 75 Leute. Ein Sicherheitsmann schließt auf und die Leute strömen hinein. Es geht geordnet zu heute Morgen, aber an manchen Tagen, so sagt Dr. Gary Drahos, gibt es Drängeleien an der Tür. Die Klinik behandelt etwa 40 Notfallpatienten am Tag. Der Rest bekommt ein wenig Mitgefühl, und eine Liste anderer Stellen, an die er sich wenden kann.

DRAHOS: Es gibt sehr wenig da draußen. Wir versuchen die Liste ständig zu aktualisieren, und wir finden heraus, dass die meisten von ihnen überbucht sind, genau wie wir.

Drahos sagt, dass Menschen Hunderte von Kilometern fahren, um hierher zu kommen. Den Bundesbehörden zufolge sind mehr als 50% der Landkreise in Illinois mit Zahnärzten unterversorgt.

Das Problem ist nicht neu – aber es ist schlimmer geworden. Chicago hat zwei seiner drei Ausbildungsstätten für Zahnärzte verloren. Cook County hat zahnärztliche Dienste reduziert. Im Moment behandelt nur einer von zehn Zahnärzten Medicaid-Patienten; dadurch hat Illinois einen viel höheren Anteil an unterversorgten Leuten als die USA gesamt gesehen. Die Zahnärzte sagen, das Problem fängt an mit der dürftigen Bezahlung, die sie für die Behandlung der Armen bekommen.

KUAMOTO: Die Kostenerstattung von Medicaid deckt nicht die Kosten eines Zahnarztes. Also verlierst du wahrscheinlich Geld.

Dr. David Kuamoto ist Präsident der Chicagoer zahnärztlichen Gesellschaft, einer der Gruppen, die sich stark macht für mehr staatliche Gelder für Zahngesundheit. Die Befürworter verlangen fast 100 Millionen Dollar – eine happige Forderung mitten in einer Budgetkrise. Wie sie das finanziert sehen wollen? Durch die Besteuerung von alkoholfreien Getränken.

Aber es könnte sein, dass es einfach zu viele miteinander wetteifernde Prioritäten gibt. Sogar Gouverneur Pat Quinn, der sich die Zahngesundheit auf seine Fahne geschrieben hat, hat in seinem letzte Woche vorgestellten Budget keine finanziellen Mittel vorgesehen. Kuamoto sagt, die Unterversorgung zwingt die Menschen in die Notaufnahmen.

KOAMOTO: Sie beschränken die Zeit des Arztes und die seiner Angestellten; das hat eine sich langsam ausbreitende Wirkung, die das ganze Krankenhaussystem beeinflussen wird.

Aber wenn die Menschen nirgendwo behandelt werden, könnten sie mit weit schlimmeren Ursachen in der Notaufnahme landen. Studien bringen schlechte Zahngesundheit mit Herzerkrankungen, Schlaganfällen und geringem Geburtsgewicht in Verbindung.

In der UIC Klinik hat sich die Schlange vor einer Rezeption neu formiert. Die Türen öffneten sich um 7 Uhr 30. Um 7 Uhr 45 gibt es eine Ansage.

FRAU: Wenn Sie als Erwachsener für dringende Zahnbehandlung anstehen: Unsere Klinik ist für heute ausgebucht…

OZCILINGIR: Es ist wirklich zum Verzweifeln!

Eva Ozcilingir muss einen Zahn gezogen bekommen. Dringend. Und sie hat keine Möglichkeit, einen regulären Zahnarzt zu bezahlen.

OZCILINGIR: Ich verdiene nur 1.235 Dollar im Monat. Manchmal habe ich nicht einmal Geld für meine Medikamente oder für Lebensmittel.

Ozcilingir ist Diabetikerin, und sie muss oft auf die Toilette. Das macht es schwer für sie, lange in einer Schlange zu warten. Nun muss sie morgen wiederkommen und es noch einmal machen.

OZCILINGIR: Heute hätte ich die Behandlung wirklich gebraucht. Ich wollte um 7 Uhr hier sein. Vielleicht sollte ich um 6 Uhr 30 kommen. Aber wenn ich dann um 6 Uhr 30 hier bin, muss ich zur Toilette – wo soll ich gehen? Ha ha! Sag allen, sie sollen sich um mich herum stellen und mich verdecken und ich mach‘ es wie die Hunde es machen.

Die Leute hier sagen, wenn du ernsthafte Zahnschmerzen hast, wirst du eine Menge ertragen. Immer öfter heißt das entweder höhere Rechnungen oder längere Schlangen. Für Menschen mit viel mehr Zeit als Geld gibt es sowieso kaum eine Wahl.



Patients wait outside the Oral Health Clinic at UIC. (WBEZ/Gabriel Spitzer)

There’s a little-noticed public health crisis brewing in Illinois. It’s not especially sexy, but it’s serious. It’s connected to life-threatening ailments, nutrition and even job prospects—the problem is access to dental care. Illinois has the third largest underserved population in the country. The few clinics that treat poor people are overwhelmed. Now they’re bracing for a new flood of patients, as more people lose their jobs.

The clinic at the University of Illinois at Chicago’s dental college opens at 7:30 in the morning, sharp. Well before that, at 6:45, the sun is just peeking over the horizon … about 30 people have already queued up outside the doors. This is not a happy line.

VOICES: It’s like a very dull throbbing … it’s kind of a dull pain, so it’s really weird … I can’t sleep at night time. I haven’t been able to sleep the past two days … I mean like the 1967 war between the Israelis and the Arabs is goin’ on in my mouth.

The folks up front got here at 5:30 in the morning. They’re here because this clinic treats people on public aid, and some with no insurance at all. This is Michael Angelakos.

ANGELAKOS: Can’t afford the dentist no more. They tripled in the last 15 years. It’s a racket. SPITZER: What other options are available to you, besides paying out of pocket, or coming here? ANGELAKOS: Nothing. You gotta either come here or go to Cook County.

By 7:30, the line has stretched to about 75 people. A security guard turns a key, and people file in. It’s orderly this morning, but Dr. Gary Drahos says some days, there are tussles at the door. The clinic sees about 40 urgent care patients a day. The rest get a little sympathy, and a list of other places to go.

DRAHOS: There’s very little out there. We try to update these lists constantly, and as we do we find out that most of them are overbooked, just like we are.

Drahos says people drive hundreds of miles to come here. More than half of Illinois counties have a dentist shortage, according to the feds.

It’s not a new problem – but it’s gotten worse. Chicago’s lost two of its three dental schools. Cook County has slashed dental services. Now, just one in 10 dentists regularly sees Medicaid patients, leaving Illinois with a much bigger share of underserved people than the nation as a whole. Dentists say the problem starts with the paltry checks they get for treating poor people.

KUAMOTO: The Medicaid reimbursement does not cover most dentists’ overhead. So you’re probably losing money.

Dr. David Kuamoto is president of the Chicago Dental Society, one of the groups lobbying for more state investment in oral health. Advocates want almost a hundred million dollars – a steep request right in the middle of a budget crisis. Their idea for how to pay for it? Tax sugary soft drinks.

But there may be just too many competing priorities. Even Governor Pat Quinn, who’s made oral health a pet project, didn’t include a cash infusion in his proposed budget last week. Kuamoto says the shortage of care is pushing people into emergency rooms.

KUAMOTO: They’re tying up the doctor’s time, the staff’s time, and it is a ripple effect that will affect the whole hospital system.

But if people don’t get treatment somehow, they could wind up in the ER for something much more serious. Studies link bad oral health to heart disease, stroke and low birth weight.

Inside the UIC clinic, the line has reconstituted in front of a check-in desk. The doors opened at 7:30. By 7:43, there’s an announcement.

WOMAN: If you’re in line for adult urgent care, our clinic is already full today …

OZCILINGIR: Oh, it’s so exasperating!

Elva Ozcilingir needs a tooth pulled. Badly. And there’s no way she can afford a regular dentist.

OZCILINGIR: I only make $1,235 a month. Sometimes I don’t even have money for my medication, or for food.

Ozcilingir is diabetic, and she has to use the bathroom a lot. That makes it kind of tough to wait in long lines. Now she’ll have to come back tomorrow and do it again.

OZCILINGIR:Today I really needed the care. I wanted to be here at 7:00. Maybe I have to get here at 6:30. But then if I get here at 6:30, I have to go pee, where am I gonna go! Ha ha! Tell everybody get around me and hide me and I’ll do it like the dogs.

People here say when you’re dealing with a serious toothache, you’ll endure a lot. More and more, that means either higher bills, or longer lines. For people with much more time than money, that’s hardly a choice at all.

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Jenny Lipow, Berkeley, CA // Sunday, March 22, 2009 @ 10:20 PM

This is such an important issue. With a small investment in preventive dental care, we could save enormous amounts of money on chronic cardiovascular diseases (and acute episodes) that are clearly linked to dental infections.

nyscof, Old Bethpage // Monday, March 23, 2009 @ 4:09 PM

Dentists are the problem. They don’t fill poor people’s cavities then lobby against any viable group who is willing to, such as Dental Therapists Dentists’ high income is derived mostly from private insurance and patient’s pockets, says the ADA. Dentists aren’t hurting. Rated among the highest-paying jobs by bizjounrnals.com, the top ten money-making cities for dentists range from Charlotte ($195,540) to Omaha ($176,830). Meanwhile, 6.5 million children aged 2 through 18 in Medicaid have untreated tooth decay, according to the Government Accounting Office. The logical solution is to require dentists to treat more low-income Americans – either for free, for what Medicaid offers, or on a sliding scale. We know dentists approve of mandates because they are behind virtually every fluoridation mandate because they profess to care so much for the poor. Dentists didn’t make it on their own. Government subsidizes dental tuition and dental schools and regulates their licenses. Dentists need to give back or allow other viable groups to fill the void. Dental Health Aide Therapists are currently repairing and pulling teeth in rural Alaska where no dentist would live or work. The American Dental Association and the Alaska Dental Society spent $1 million on a lawsuit trying unsuccessfully to stop them. Organized dentistry now lobbies against solo-practicing dental hygienists, denturists (false teeth makers) from working directly with the public and Dental Therapists in any other state. Organized dentistry uses its credentials, political clout and deep pockets filled up with corporate cash to lobby our legislators to pass laws that benefit themselves while an oral health epidemic occurs on their watch. See: http://tinyurl.com/PoliticalClout In effect, organized dentistry is holding poor people hostage until the government pays them more money to treat them.

 

Übersetzung des letzten Kommentars

nyscof, Old Bethpage // Monday, March 23, 2009 @ 4:09 PM

Zahnärzte sind das Problem. Sie füllen nicht die Kariesstellen von armen Leuten, sondern machen Lobbyarbeit gegen Gruppen, die das übernehmen würden, wie z.B. die „Dental Therapists“. Die hohen Einkommen von Zahnärzten kommen weitgehend von privaten Versicherungen und aus den Taschen der Patienten, sagt die ADA (Zahnärztevereinigung). Den Zahnärzten tut es nicht weh. Laut bizjournals.com befinden sie sich unter den best bezahlten Jobs, die 10 besten Städte für Zahnärzte liegen bei Charlotte ($195,540) bis Omaha ($176,830). Gleichzeitig haben 6,5 Mio Kinder zwischen 2 und 18 Jahren unter Medicaid (Sozialhilfe) unbehandelte Karies, sagt die staatliche Statistik. Die logische Lösung wäre es, Zahnärzte dazu zu bringen, mehr schlecht verdienende Amerikaner zu behandeln – entweder umsonst, oder für das, was Medicaid bezahlt, oder auf einer gleitenden Skala. Zahnärzte sind mit Mandaten durchaus einverstanden, weil sie sich selbst immer für Fluoridierungen einsetzen und sich zumindest nach außen viel um Arme kümmern wollen. Zahnärzte wird man nicht von sich aus. Der Staat subventioniert die Ausbildung und reguliert die Zulassung. Zahnärzte sollten sich also erkenntlich zeigen oder anderen Gruppen erlauben, die Lücke auszufüllen. Dental Health Aide Therapists sind zur Zeit dort im ländlichen Alaska damit beschäftigt, Zähne zu reparieren und zu ziehen, wo kein Zahnarzt leben und arbeiten will. Die ADA und die Alaska Zahnärztliche Gesellschaft hat 1 Mio US-$ in verlorene Gerichtsverfahren versenkt, um diese Arbeit zu stoppen. Die organisierte Zahnärzteschaft macht jetzt Lobbyarbeit gegen selbstständige Dental Hygieniste und Dentisten (Prothesenmacher), die direkt an Patienten und mit Dental Therapisten in anderen Bundesländern arbeiten. Die organisierte Zahnärzteschaft benutzt ihre Glaubwürdigkeit, politischen Einfluss und viel Geld aufgefüllt mit Industriespenden, um unsere Abgeordneten zu Gesetzen zu veranlassen, die nur ihnen selbst helfen, während eine orale Epidemie direkt nebenan passiert.Schauen Sie hier: http://tinyurl.com/PoliticalClout Tatsächlich benutzt die organisierte Zahnärzteschaft die arme Bevölkerung als Geisel, bis der Staat ihnen mehr Geld gibt für die Behandlung.

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