Probleme nach Kunststoff im Backenzahn

Lesen Sie auch die Artikel   Skandal – Abszesse unter Kunststoff  und  Spalten unter Kunststoff  aus der Rubrik  Fortbildung

 

Zu meiner großen Überraschung veröffentlichte unsere offizielle Standespresse, die "Zahnärztlichen Mitteilungen" im Heft 06/2009 doch einen Artikel des Titels  Vermeidbares Problem: Die postoperative Hypersensibilität von  Prof. Dr. Bernd Haller, Ulm, einem ausgewiesenen Kunststoff Fan. Dem Kollegen Haller bin ich sehr dankbar, jetzt endlich das Thema der so genannten "postoperativen Hypersensibilität" = Schmerzen beim Aufbeissen auf neue Kunststoff Füllungen im Backenzahnbereich zum Gegenstand einer offiziellen Verlautbarung in einem amtlichen Zahnärzteblatt gemacht zu haben. Wenn ich gewissen Kollegen zuhöre, dann existieren solche Schmerzen nur in meiner Fantasie und in der der betroffenen Patienten Laughing.

sany0216.jpgBildbeschreibung

Rechts oben etwas grauer als die hellere Fläche befindet sich das Komposite Material Z100 des Herstellers 3M in einem menschlichen Zahn. Der runde braune Bereich links unten stellt die Zahnnervhöhle (die Pulpa) dar. Von der Komposite Füllung führen jede Menge winzige Kanäle (Dentinkanäle genannt) zur Pulpa. Ein bedeutender Teil davon ist komplett violett eingefärbt und zusätzlich befindet sich viel Farbe in der Ecke und am Boden der Kunststoff Füllung. Dieser Farbpenetrationstest beweist direkt den offenen Spalt zwischen Kunststoff und Dentin im unteren Bereich der Füllung, der dort nicht auftauchen dürfte. Denn diese Füllung wurde nach Herstellervorschrift vollfächig auch unten mit dem Zahn verklebt. Offenbar hat aber die Schrumpfung des Kunststoffs beim Aushärten soviel Zugspannung erzeugt, dass der Kleber diesem nicht Stand halten konnte. Nebenbei Z100 ist bekannt für seine gigantischen mechanischen Werte, sowohl was die Druckfestigkeit, als auch den E-Modul angeht. Vermutlich gehen die schlechten Ergebnisse im Farbpenetrationstest nach Thermocycling auch auf das Konto: zu sehr biege- und zugfest.

Der erwähnte ZM Artikel ist auf jeden Fall lesenswert, weil er nicht nur über eine ordentlich Illustrierung verfügt, sondern auch dem Thema durch eine ausgewogene Darstellung gut gerecht wird. Unter anderem erfahren wir, dass in kontrollierten klinischen Studien die Häufigkeit von Schmerzen nach der Direktverklebung von Kunststoff auf nacktes Dentin im Backenzahnbereich bei 10% bis 15% liegt, ein Wert, den die Arbeiter an der Front bitte endlich einmal zur Kenntnis nehmen sollten. Mit Abstreiten des Vorkommens ist Niemandem gedient, schon gar nicht der Wahrheitsfindung.

 Dr. Haller geht im weiteren Verlauf auf die diversen Fallen ein, die beim Verarbeiten des techniksensiblen Materials Komposite (=Plastik) nachweislich mit dem Abreißen des Klebeverbundes vom Dentin zu tun haben:

  1. Schlecht ist zu viel und zu tief zu bohren. Besser Abstand zur Pulpa halten.
  2. Schlecht ist das Ätzen von nacktem Dentin mit 35%iger Phosphorsäure über länger als 15 Sekunden, besonders in Pulpanähe. Besser ist die Abdeckung mit Glas Ionomer Zement vor dem Ätzen.
  3. Schlecht sind Ein-Flaschen-Systeme (One-bottle), weil die Haftkraft zum Dentin nie optimal ist. Besser sind Mehrflaschensystem am besten auf Wasser- und/oder Alkohol Lösungsmittelbasis. Syntac als Uraltsystem bekommt gute Noten (vermutlich wegen des darin enthaltenen Bakterizids Glutaraldehyd, chemisch mit Formaldehyd eng verwandt)
  4. Schlecht sind dicke Schichten Komposite, weil sie hohe Schrumpfkräfte aufbauen. Besser sind indirekte Füllungen = Inlays, welche allerdings eine leicht erhöhte Honorierung nach sich ziehen Wink.

Soweit der Kollege. Ich selbst möchte hinzufügen: schlecht sind kleine und deshalb unbemerkte Wasseransammlungen, wie sie schon alleine durch das Atmen entstehen; falls Sie das nicht für wahrscheinlich halten: atmen Sie doch bitte mal im Abstand von 5 cm gegen einen Spiegel. Und schlecht sind alle Füllungsränder in Zahnfleischnähe oder womöglich darunter. Wer die mit Kunststoff in wirklichen Mündern absolut dicht bekommt, der kann wirklich ein Kunststück, welches ich mit 22 Jahren Berufserfahrung immer noch nicht beherrsche. 

Zusammenfassung: Wenn alle "wenns" (die 4 von Haller, die 2 von mir und die 5, die mir spontan jetzt gerade nicht einfallen) beachtet werden, dann funktioniert Kunststoff so wie im Prospekt angekündigt. Wenn nicht, dann kann Kunststoff auch ganz schön schief gehen. Wie das funktioniert, sehen Sie hier .

 

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