Bakterienhaufen und Kieferknochen im Dauerclinch

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Bild 1

Zur Abwechslung gönnen wir uns heute etwas völlig anderes: den Dauerkampf zwischen Kieferknochen und Kleinstlebewesen. Abgelichtet finden Sie hier die so genannte Trifurkation eines oberen 6-ers (das ist der 1. große Backenzahn von vorne gezählt). Mit Trifurkation meinen wir die Stelle der Wurzel, an der sich der Zahn auf 3 Wurzel verteilt, also praktisch die Astgabel. 

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 Bild 2

Bei 2 – wurzligen Zähnen ist die Astgabel noch als  relativ einfache geometrische Figur geformt, was z.B. für untere 6-er zutrifft. Bei den oberen 6-ern  bilden aber die 3 Wurzeln einen inneren Knotenpunkt, der eine konstruktive Schwachstelle dieser Zähne bei einer Parodontitis Erkrankung darstellt.

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 Bild 3

Die Patientin wurde wegen mittelstarker Dauerschmerzen auch nachts und den Symptomen "Kälteempfindlichkeit", "Bissempfindlichkeit"  bei mir vorstellig. Die Schmerzen stellten sich vor wenigen Tagen aus dem heiteren Himmel ein, es gabe keine (!) Warnhinweise. *)  Das Röntgenbild entpuppte sich – wie bei solchen Gelegenheiten so häufig – als wenig hilfreich, aber die innere Wurzel (das ist die im Bild 4 nach links stehende Wurzel) wies eine Taschentiefe von mehr als 9 mm auf.  Bei 9 mm Taschentiefe und frei tastbaren Trifurkationen ziehe ich immer (!) die Reissleine. Im Klartext: der Zahn muss weg.

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 Bild 4

Warum ist das so? In Bild 4 denkt der Nichtfachmann vielleicht noch, dass diesem gezogenen Backenzahn doch gar nichts fehlt. Weder hat sich die gemeine Karies in eine Wand gebohrt, noch ist er irgendwo eingerissen. ABER: Dieser Zahn wird seit Jahren auf locker der Hälfte seiner  Wurzeloberfläche von dicken Bakterienkolonien besiedelt. Das geht aus Bild 1 hervor. Beim weißen Fleck in der Mitte des Bildes 1 handelt es sich um eine der zig- Bakterienkolonien, die sich dadurch auszeichnen

  • a) an einer für den Patienten unerreichbaren Stelle zu liegen, nämlich etwa 7 mm unter dem Zahnfleischniveau in der Trifurkation.
  • b) in ein Stadium gereift zu sein, in dem  die besonders krankmachenden Spirochäten (spiralförmige Bakterien) gedeihen.
  • c)  eine heftige Dauerentzündung des anliegenden Zahnfleischs in Gang zu halten.

Das läuft auf eine direkte Konfrontationsfläche der Bakterien mit  dem umgebende Zahnfleisch in der Größe der Kuppe  des kleinen Fingers hinaus. Für den ganzen Mund kann ich bei der Patientin daraus mehrere cm2 (Quadratzentimeter) Dauer-Kampfzone hochrechnen, wahrscheinlich über Jahrzehnte.

 Zum Verständnis: der Zahn steckt bis zur Grenze Schmelz/Wurzel im Zahnfleisch. Und diese Grenze erkennen Sie im Bild 4 als Linie zwischen dem blau weißlichen Schmelz oben im Bild und der beige/bräunlichen Farbe des Wurzeldentins.  Haben bakterielle Beläge eine Wurzeloberfläche einmal besiedelt, sind also erfolgreich in die so genannte Zahnfleischtasche eingedrungen, gibt es keinen Weg mehr zurück. Der Knochen ist an dieser Stelle endgültig zerstört. **)  

 

Kommentar

 In meinem früheren Zahnarztleben versuchte ich noch, solche Zustände durch "parodontalchirurgische" Maßnahmen irgendwie zu kurieren. Wegen zu wenig Erfolgs verließ ich diesen Weg zugunsten der Zangen Behandlung. 

  Für Interessenten an grundlegenden Fragen der Mundgesundheit (Was bedeutet das? Was ist Unterbehandlung, was Überbehandlung?)  stellen sich an dieser Stelle nun einige Fragen.

  • 1) Wieviele cm2 (Quadratcentimeter) reife Bakterienplaque auf voll entzündetes Zahnfleisch verkraftet der Mensch maximal auf die Dauer? Vermutliche Antwort: wir wissen es nicht wirklich. Ernsthaft.
  • 2)  Wo genau liegt der Unterschied zwischen bakteriell verursachten Entzündungen an der Wurzelspitze eines Zahns (apikale Ostitis = im Volksmund gerne als "Herd" bezeichnet) und der bakteriell verursachten Entzündung tiefliegender Taschenbereiche (periodontale Ostitis = im Volksmund Parodontose genannt) , was die biologische Wirkung auf den Gesamtkörper angeht? Warum veranstalten die "Fachleute" bei dem so genannten "Herd" ein solches Bohei, ignorieren aber häufig genug im gleichen Mund die fette Parodontitis mit mindestens gleichem Bedrohungspotential ? Antwort: Die langweilige Prophylaxe und Zahnfleischbehandlung ist nicht halb so sexy (und bezahlt), wie Zähne für Kronen abschleifen oder Dübel in den Knochen schrauben.
  • 3)  Warum glauben die Allergie-, Amalgam-, und sonstige Umwelt Geschädigten eigentlich immer, dass die biologischen Bedrohungen in der Mundhöhle alle ganz harmlos wären? Denn das sind sie nicht. Dicke Schwellungen, Abszesse und Eiter im Mund entstehen zu 97% durch Infektionen mit biologischem Material (Bakterien, Viren …), 2% durch Sonstiges, ganz selten durch Krebs und praktisch nie durch Allergie, Amalgam und Umwelt. Hört man unseren "ganzheitlichen" Mitbewerbern (z.B. die Kollegen, die mit "amalgamfreie" Praxis werben) zu, hat man das Gefühl, es müsse sich genau umgekehrt verhalten.

Das Messen mit zweierlei Mass kommt gerade bei den "Ganzheitlichen" gehäuft vor. Die ständige und offensichtliche Bedrohung durch Mikroben im Mund blenden sie einfach aus, um sich dafür der Esoterik, also den eingebildeten "Ursachen" von Krankheiten, wie Amalgam, Allergie und Umwelt kostenträchtig zuzuwenden. Der einzige Grund, warum diese Antibehandlung trotzdem funktioniert, ist das große Maß an Toleranz, mit dem der menschliche Mund den Mißbrauch erträgt. Seriöse und ursachengerechte Behandlung sieht anders aus.

*) Die Darstellung der Patientin, über all die Jahre der chronischen Parodontitis keine nennenswerten Schmerzen an diesem Zahn erlitten zu haben, ist Glauben zu schenken. Der späte Schmerz tritt gewöhnlich in dem Moment auf, in dem eine der Wurzeln bis zur Spitze vom Knochen entblößt ist und die Mikroben unmittelbaren Zugang zum Zahnnerv an der Wurzelspitze haben. In unserem Beispiel war das die Wurzel im Bild 4 nach links.

**) Ganz fortschrittliche Kollegen widersprechen mir an dieser Stelle, ich halte dennoch diese Behauptung speziell in der Trifurkation oberer 6-er aufrecht.

3 Replies to “Bakterienhaufen und Kieferknochen im Dauerclinch”

  1. RE: Bakterienhaufen und Kieferknochen im Dauerclinch
    Hallo Herr Wagner,

    Teil1)

    angenommen die Patientin hätte in den vergangenen Jahrzehnten ihre Zahnzwischenräume gesäubert (das letzte Bild sieht mir nicht danach aus) und PZRs in Anspruch genommen, hätte diese Extraktion damit verhindert werden können ?

    Kann man als Zahnarzt die Vorgänge in dieser Zahnfleischtasche bei Kontrolluntersuchungen feststellen ?

  2. RE: Bakterienhaufen und Kieferknochen im Dauerclinch
    Teil 2)

    Mir ist aktuell ein Fall bekannt, wo ein Molar schon seit Jahrzehnten auf der „Abschuss-Liste“ stand (laut Patient) und nun gezogen werden musste. Dieser Patient war nie bei einer PZR und hat in seinem Leben noch nie die Zwischenräume gesäubert, geschweige denn etwas anderes als die Zahnbürste zur Pflege benutzt, und das nach der Kehrbesen-Methode 😉
    Hat hier der Zahnarzt (der regelmäßig aufgesucht wurde) die Parodontitis gemütlich beobachtet, in dem Wissen, dass der Zahn irgendwann raus muss und dies dem Patienten auch mitgeteilt, aber die Möglichkeiten das zu verhindern verschwiegen ? Klingt für mich zumindest so.

  3. RE: Bakterienhaufen und Kieferknochen im Dauerclinch
    Zitat aus dem Kommentar“…….zu 97% durch Infektionen mit biologischem Material (Bakterien, Viren …), 2% durch Sonstiges, ganz selten durch Krebs und praktisch nie durch Allergie, Amalgam und Umwelt. Hört man unseren „ganzheitlichen“ Mitbewerbern (z.B. die Kollegen, die mit „amalgamfreie“ Praxis werben) zu, hat man das Gefühl, es müsse sich genau umgekehrt verhalten.“

    Machen wir doch einfach halbe/halbe, dann ist jeder gut bedient! 😆
    Zeigen Sie doch mal das Röntgenbild zu Bild 3, ob man da wirklich nichts sieht.

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